Im Leben der Anderen

März 3, 2014|Posted in: Artikel|By

So oft und so gerne bewegen wir uns im Leben der Anderen, dass wir darüber vielleicht manchmal vergessen, uns um unser Eigenes zu kümmern, oder übersehen, wie viel Einblick wir den Anderen in unser Leben gewähren.

Wovon ich rede?
Von zwei Dingen, die irgendwie völlig unterschiedlich sind, und dennoch zusammen gehören – zumindest für mich.

Interessiert habe ich in den letzten Wochen die Entrüstung über den Deal zwischen Facebook und WhatsApp beobachtet. Ich selbst hatte zufällig – nur wenige Stunden vor Bekanntwerden des Verkaufs – meinen Messenger gewechselt, da ich mich den andauernden Sicherheitswarnungen nicht mehr entziehen konnte.

Der Verkauf war dann nur noch der Tropfen auf dem heißen Stein, den viele meiner Freunde als Anstoß nutzten, nun auch zu wechseln.
Andere wiederum blieben, und es entstanden regelrechte Streitgespräche – man glaubt es nicht, via Facebook – um über Sinn oder Unsinn eines Wechsels zu diskutieren.

Wir können in unserer digitalisierten Welt nicht mehr den Schritt zurück machen und unsere persönlichen Daten schützen, oder:
Das ist der Preis den wir zahlen müssen, um die Vorteile von Facebook & Co. zu nutzen, oder:
Wer WhatsApp wegen Datenunsicherheiten verlässt, der müsste sein Facebook Profil ebenfalls löschen.

Alles richtig, aber die Frage dahinter ist doch: Warum tun wir es nicht einfach? Warum steigen wir nicht bei Facebook aus, warum löschen wir nicht WhatsApp, was liegt in der anderen Waagschale, dass es uns so schwer fällt, unsere Intimsphäre zu schützen und von den sozialen Netzwerken Abschied zu nehmen?

Warum können wir denn tatsächlich nicht zurück?
Warum reagieren manche Menschen derart emotional, wenn man sie darauf hinweist, dass da eventuell irgendetwas im Argen ist, und man dort mal genauer hinschauen sollte.
Es scheint, als würden die Überbringer der schlechten Nachricht, von Facebook, WhatsApp und dem technisch möglichen Datenmißbrauch, eher gesteinigt, als die Verursacher.

Keiner von uns weiß genau was Facebook mit unseren Daten und mit unseren Fotos alles machen kann und macht. Keiner weiß, was WhatsApp mit unseren kompletten Telefonbüchern, Chatverläufen und Fotos vorhat.
Wir ahnen alle irgendwie, dass es auf eine unfassbare Instrumentalisierung unserer Selbst hinauslaufen kann, aber dennoch spielen wir alle das Spiel mit und wollen uns das Spielzeug auch nicht nehmen lassen.

Was bekommen wir im Gegenzug, dass wir so an der Nadel hängen?

Wir bekommen ein Sozialleben, wir bekommen Freunde, wir bekommen Gesellschaft, wir bekommen einen regen Austausch mit Menschen, wir bekommen eine Identität.
Auf all das können und wollen wir nicht verzichten.
Außerdem bekommen wir Informationen, können Menschen (rein virtuell) besser kennen lernen, können uns in das Leben Anderer einklinken – während sie das in Unserem tun –  und leben so nicht mehr mit unserer handvoll guter Freunde im Real Life, sondern mit unseren 500 Facebook Freunden in unserer virtuellen Laubenpieperkolonie, in der mein Parzellennachbar genau mitbekommt, wann ich meine Klospülung betätige, wann ich mit meinem Mann streite, wann ich über eine Freundin lästere, wann ich glücklich und wann traurig bin, und wer bei mir Ein- und Aus geht.

Ist nicht so?
Doch, ich denke schon!

Wieviel mehr wissen wir Alle anhand der Gefühlsregungen die wir aus den Statusmeldungen unserer Facebookfreunde ablesen können, als wir es in Echt jemals in der Zeit in Erfahrung bringen könnten.
Verliebt, wütend, in einer schwierigen Beziehung, schwanger, selig, überarbeitet, überfressen, überfahren…

Durch Facebook können wir viel mehr Anker im Leben Anderer werfen, die wir ohne dieses Netzwerk nie hätte.
Durch WhatsApp können wir sogar den Wert einer Freundschaft besser einstufen.
Jemand hat meine Nachricht gelesen, war seit dem mehrfach online, hat mir aber noch nicht geantwortet.
Das macht man nicht – nicht mit echten Freunden!
So wird die Angelegenheit – so werden Menschen – beurteilt…

Wir bekommen also viel mehr Gesellschaft als wir sie in Echt jemals haben könnten, wir bekommen mehr Kontrolle und mehr Interaktion.
Wenn uns langweilig ist, so 10 – 100 Mal am Tag, können wir das Handy nehmen und uns informieren, was es bei den Anderen so Neues gibt, oder wir können uns mit Feuereifer an virtuellen Diskussionen beteiligen.
Das Kommentieren von Posts und Links ist eine ideale Form sich zu positionieren und ein neues Selbstbild zu kreieren.

Gesellschaft, Anker, Ablenkung, Ausstieg aus der Langeweile, Identifikation, Vernetzung…
Wie würde das Leben demnach ohne Facebook aussehen?
Einsamkeit, Haltlosigkeit, Langeweile, Strukturlosigkeit, Ödnis?

Nicht nur, dass wir uns im Leben Anderer festklammern, und Andere in Unserem (eine klassische Win-Win Situation zur gegenseitigen Unterhaltung), wir können dank Facebook auch mit ein paar Klicks unsere Identität verändern.

Ich lade ein Profilbild hoch, dass dreimal überarbeitet und mit mehrerern Filtern versetzt nur noch ganz entfernt an mich in Natura erinnert.
Ich bin eigentlich eher so der introvertierte, ruhige und schüchterne Typ, aber über Facebook haue ich eine knallermäßige Statusmeldung nach der Anderen raus, so dass es den Eindruck erweckt, als wäre ich eine echte Rampensau.
Oder vielleicht eher so der harte Typ? Aber diese niedlichen kleinen Katzenbilder und diese klugen Sprüche über Leben und Liebe von Paolo Coelho, die poste ich schon gerne mal, um auch meiner weichen Seite endlich mal ausreichend Raum zu geben.

Was davon trifft auf Euch zu?
Ich gebe ehrlich zu, bei mir ist von Allem was dabei – bis auf die Katzenbilder, die gab es noch nie!

Und jetzt kommen da Menschen, die sagen, wir sollen Facebook löschen, wenn wir unsere persönlichen Daten schützen und konsequent sein wollen.

Ja spinnen die? Da würde doch Einiges zusammenfallen, auf das wir gar nicht mehr verzichten möchten, und in dem wir uns hervorragend eingerichtet haben.

Es ist nicht verwunderlich, dass wir alle die Augen derart fest vor dem verschließen was da als großes dunkles Datenloch dargestellt wird, denn der Verlust, den wir ertragen müssten, wären wir konsequent, ist tatsächlich mit der Art unseres Lebens kaum noch zu vereinen.

Es ginge damit los, dass wir nicht mehr mit bekämen, wer wann und wo feiert, und wir nicht mehr eingeladen werden würden.
Mir selbst ging es so, dass ich kürzlich eine Karnevalsfeier organisiert habe.
Zwei Tage nach der Party rief mich zufällig ein guter Freund an, und mir fiel es wie Schuppen von den Augen, dass ich ihn vergessen hatte und er überhaupt gar nichts von der Party mitbekommen haben dürfte, da er nicht bei Facebook ist. Ich habe mich ganz schön geschämt, und als er mich fragte ob ich Karneval gefeiert hatte, nur rumgestottert, was ihn wiederum zu der Vermutung veranlasste, dass ich „wohl nicht so der Karnevalstyp“ sei.
Ich habe das mal so stehen gelassen, und schnell das Thema gewechselt!

Darüber hinaus könnten wir niemanden mehr aus halbherzigem Interesse oder Langeweile stalken, wir könnten unserer Neigung zur Selbstdarstellung nur noch schwer nachkommen, und wir hätten gute Chancen in die Einsamkeit und Isolation abzudriften, wenn wir den einsamen Entschluss zum Austritt aus Facebook treffen würden.

Übertreibe ich?
Vielleicht ein bisschen, aber den Wahrheitsgehalt dieses Szenarios kann ohnehin nur Jeder für sich selbst beurteilen.

Ich denke der tatsächlich klügste Schachzug den Mark Zuckerberg jemals gemacht hat, ist der, dass er uns  so abhängig gemacht hat, dass vermutlich noch sehr viel Negatives passieren müsste, bevor wir mit ihm Schluss machen würden, denn wir hängen alle ganz ordentlich an der Nadel dieses Netzwerkes, dieses virtuellen Mikrokosmos.

Im Gegenzug dazu fällt es uns kaum schwer, uns über den trostlosen Kleingartenverein am Rande der Stadt, in dem das echte Leben als Miniatur abgebildet wird, lustig zu machen. Die tristen Lauben, in denen immer auch ein Hauch von Trostlosigkeit, zerronnenen Träumen und  Kleingeistigkeit zu spüren ist. In denen es klare Regeln gibt, wie hoch die Hecken, wie tief die Äste, und wie laut die Musik zu sein hat.
Wo man Gartenzwerg an Gartenzwerg in Nachbars Garten stiert, um aus dessen Leben etwas in Erfahrung zu bringen, das einen davon ablenkt sich in seinem Eigenen umzuschauen.

Ist Facebook aber nicht die Kleingartenkolonie der digitalen Welt, und sind wir nicht am Ende die Zwerge die Mark von A nach B stellt und ganz hübsch und niedlich in seiner Welt dekoriert.
Heimelig, anrührend, manchmal provokant, aber eben nur Zwerge in einer Welt die nicht echt ist.
Vielleicht nicht so trostlos, aber dennoch Figuren in einer Matrix, aus der sie nicht mehr herauskommen, ohne Schaden zu nehmen.

Horrorszenario versus Realität?
Die Geister werden sich wieder scheiden.

Aber selbst wenn die Wahrheit in der Mitte liegt, sollten wir darüber nachdenken, wie wir mit den Dingen unserer digitalen Welt umgehen wollen und sollen.

Sicherlich müssen wir Facebook nicht löschen, um dem „Satan“  zu entgehen, aber vielleicht denken wir mal darüber nach, was es uns bedeutet, was es mit uns macht, und ob wir das wirklich wollen.
Vielleicht ist die Beschäftigung mit den eigenen To Do’s, mit den eigenen Gefühlen, den eigenen Träumen, den echten Freunden, der eigenen Persönlichkeit doch spannend genug, um dafür dem sozialen Netzwerk hier und da mal den Rücken zu kehren.

1 Comment

  1. Eva
    23. März 2014

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    Da steht: „200 Personen gefällt das (Dein Artikel, Susanne).Registriere dich, um sehen zu können, was deinen Freunden gefällt.“
    Und da geht es schon wieder los…..
    Mir gefällt Dein Artikel sehr!
    Eva

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