Klick

März 18, 2014|Posted in: Artikel|By

Meine Kindheit ist bald seit 40 Jahren zu Ende, meine Schulzeit liegt lange hinter mir, selbst das Studium ist ewig vorbei – und dennoch begleiten mich Erinnerungen an diese Zeiten immer noch auf Schritt und Tritt. Manchmal träume ich sogar nachts von Wegen, auf denen ich als Kind das letzte Mal gegangen bin. Ich sehe sie vor mir als wäre ich gestern das letzte Mal auf dem Weg zur Schule mit dem Fahrrad dort entlang geradelt, ich erkenne Orte wieder, die ich seit Jahrzehnten nicht besucht habe. Manchmal ist es ein flüchtiger Geruch in der Luft, der Erinnerungen weckt; vielleicht sind es einfach vertraute Geräusche, die verstaubte Bilder im Kopf zu neuem Leben erwecken. Manchmal sind es Gefühle, die mich zurückversetzen in die Vergangenheit – meistens fühle ich mich dabei wohl, denn es sind schöne Dinge, die mir in den Sinn kommen.

Ich unternehme, wenn mich die Sehnsucht packt, Zeitreisen: Natürlich habe ich keine Zeitmaschine wie sie H. G. Wells oder Michael Crichton in ihren Büchern beschreiben – aber ich habe dafür ein Auto oder steige, wenn es mal ganz schnell gehen muß, in ein Flugzeug. Um zum Beispiel einen Ausflug in meine Kindheit oder Schulzeit zu unternehmen, fahre ich nach Lübeck: Dort bin ich geboren, groß geworden und habe mein „Eher-schlecht-als-recht“-Abitur bestanden. Und es gibt dort kaum einen Ort, der nicht Teil meiner Jugend war – ich gehe spazieren, fahre Fahrrad, trödele mit dem Auto hin zu Straßen, in denen ich seit 30 Jahren nicht war – und vieles hat sich einfach gar nicht verändert. Zeitreise! Schon kann ich mich bedienen im Bauchladen der Erinnerungen, die spätestens dann wieder da sind: Hier der Weg am Kanal entlang, den ich hunderte Male mit dem Fahrrad zur Schule gefahren bin. Dort die Kneipe, in der wir als Jugendliche unser erstes Bier getrunken haben. Und dann vielleicht der Mühlenteich, in dem wir damals nach dem Gruppentadel das Klassenbuch versenkt haben und wo ich mit Ulrike nach der Schule in der Sonne gelegen habe. Es ist wie ein Film, von dem ich schon vorher weiß, dass er mir gefallen wird – und jedes noch so kleine Detail taucht aus der Vergangenheit wieder auf.

Eines aber fehlte bis vor einiger Zeit auf meinen Zeitreisen in die Heimat: Die Menschen von damals. Selten tauchte in einem Traum ein alter Schulfreund auf, selten habe ich eine Sandkastenfreundin zufällig in der Fußgängerzone getroffen, selbst alte Nachbarn wohnen nicht mehr in unserer Straße – es sind immer nur die Orte, die seit jeher beständig waren. Mittlerweile wohnen mehr Freunde aus der Schulzeit dort, wo ich heute wohne – in Frankfurt. Woran liegt es? Vielleicht war es die Zeit, die uns damals aus Lübeck in die Ferne getrieben hat – Studium, Beruf, Liebe. Für mich trifft alles auf einmal zu.

Warum schreibe ich all das? Weil die gute Nachricht der heutigen Zeit lautet: Es ist plötzlich wieder so einfach, sich zu begegnen. Vor allem das Internet macht es möglich: „Google“ findet Peter, der heute in Regensburg lebt. Auf „Facebook“ meldet sich Sabine, die mich noch aus der Schule kennt (und heute einen neuen Nachnamen hat), „Xing“ lässt Stefan wieder auferstehen und Frank aus meiner damaligen Straße liest von mir in einem Branchen-Newsletter und wir stellen fest, daß wir seit 15 Jahren nur 30 Kilometer voneinander entfernt wohnen. Auf „Stayfriends“ kläre ich endlich, wie die freundliche Blonde aus der Nachbarklasse denn hieß und dass sie heute in Berlin lebt. Alex hat kein „Facebook“, aber dafür „WKW“ – er war schon immer „Old School“, aber ich bin medial omnipräsent …

Für mich sind diese Online-Dienste kein Fluch, sondern ein Segen: Ich hätte vor zehn Jahren nicht einfach im Telefonbuch „gegoogelt“, um zu sehen, ob Christian noch in Lübeck wohnt, um dann anzurufen und ‚nur mal so‘ zu fragen, wie es geht. Oder mal bei Carmen’s Eltern vorbeizufahren, um zu hören, ob sie immer noch genauso aussieht wie damals. Das wäre mir zu verbindlich gewesen.

Heute ist alles ganz einfach: Vor allem „Facebook“ ist für mich ein Ort der ‚Begegnung‘ geworden. Ich finde zufällig Susanne, mit der ich immer im Bus von der Schule heimgefahren bin und klicke sie an. Wir kennen uns ja irgendwie. Und Stefan ist jetzt mit Carsten befreundet? Den klicke ich gleich mit an, denn wir waren mal in einer Klasse. Hans-Jörg arbeitet jetzt bei der Stadt „ „klick“ – sieh mal einer an! Der Kai, den Torsten da kommentiert, der war bei mir im Ruderclub und abends oft im „Hüx“ – „klick“ – den auch! Und wer ist Birte, der gerade das Bild von meinem Hund gefällt? Sie sieht mich bei Kai, den ich aus der Schule kenne, und erinnert sich daran, dass ich der Freund ihrer Freundin war. War ich das? Egal und „klick“.

Wenn ich in Lübeck bin und im „Miera“ einen Wein trinke, teile ich das der Welt per App mit: „Ich bin hier: ‚Miera Weinbar‘“. Muss ja keiner lesen, wenn er nicht will. Aber Udo liest es – und kommentiert: „Ich auch gleich“. Und siehe da: 20 Minuten später kommt er mit Tanja zur Tür rein. Udo habe ich seit 20 Jahren nicht live gesehen, aber alles ist wie früher und – „klick“ – jetzt kenne ich auch Tanja. Und Tina beschwert sich am nächsten Tag im Kommentar zum Foto vom Wein, dass ich gar nicht vorher Bescheid gesagt habe. „Gefällt mir“ und kein Problem – ich bin ja noch da. „Hat noch jemand Lust auf einen Kaffee mit Tina an der Trave?“ Muss ja keiner lesen – aber Rüdiger tut es. Und kommt mit. Abends will ich mit Stefan aufs Fest. Er postet von unterwegs, dass der Bus verspätet ist, Jens findet das gut (warum?), ich vertreibe mir die Zeit mit Fotos, die ich poste. Das schnelle Bild vom Holstentor in der Abendsonne sieht Petra – wir kennen uns nur, weil sie sich mal in „WKW“ ‚verklickt‘ hat, wir uns seitdem aber gerne mal schreiben, denn sie hat früher nur drei Straßen weiter gewohnt. Und sie ist auch auf dem Fest, wir treffen sie und ihre Freunde keine 10 Minuten später. Klick, klick, klick. Der Klick Nummer drei ist übrigens Jana, und die kennt meinen Bruder aus der Berufsschulklasse von 1984. „Klick“ auch bei ihm. Online-Begegnung.

Und heute bin ich wieder Zuhause in Frankfurt – aber was Udo, Stefan oder Petra tun, weiß ich trotzdem: Der eine ist grade einkaufen, der andere fällt einen Baum, und Petra ist im Urlaub in Frankreich. Bilder gibt es gleich dazu, der fallende Baum ist am interessantesten. Und ich zeige im Gegenzug der Welt mein Frühstücksbrötchen, muss sich ja keiner anschauen – aber Tanja aus dem „Miera“ gefällt es trotzdem. Ein Schulfreund postet sogar sich selbst auf seinem Sofa und erzählt Geschichten, eigentlich nicht richtig wichtig – aber ich bin unendlich froh, dass wir uns alle hier begegnen.

Übrigens: Demnächst bin ich bestimmt wieder auf Zeitreise an der Obertrave. Hat jemand Lust auf einen Drink? „Klick“!

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