Auf der Suche nach dem Ich

März 20, 2014|Posted in: Artikel|By

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich mich verloren hatte. Einem Leben, von dem ich gar nicht spürte, dass es mein eigenes war und von dem ich mich fragte, wie lange das eigentlich noch dauern müsse.  Ich hatte das Gefühl gelebt zu werden, statt zu leben, alles drehte sich um Job, Sicherheit und Image; was die anderen von mir dachten war wichtiger als das, was ich eigentlich selber von mir hielt.  Manchmal war ich noch nicht einmal mehr in der Lage zu sagen, was ich lieber aß: Fisch oder Fleisch. Meine Antwort hing immer davon ab, mit wem ich gerade unterwegs war. Manchmal war ich sogar kurz davor zu sagen, ich sei eigentlich Vegetarier, hätte mich bisher nur noch nicht geoutet.

Kurz gesagt: Ich hatte mich selbst auf meiner Reise durch das Leben verloren. Ist aber auch kein Wunder: So ein Leben ist ja auch eine Gratwanderung zwischen den eigenen Wünschen und Ansprüchen und denen, die an einen herangetragen werden – von der Gesellschaft, den Freunden, der Familie. Und alle meinen es natürlich nur gut mit einem und wollen auch auf gar keinen Fall beeinflussen, aber „Kind, mach doch am Besten eine Banklehre, dann bist du auf der sicheren Seite“ oder „Kind, warum isst Du denn so wenig, schmeckt es dir nicht?“

Und wenn man dann übergewichtig und unzufrieden mit seinem Job auf der Suche nach Freunden oder dem Mann des Lebens ist, dann geht alles wieder von vorne los. Dann will man unbedingt mal in die Serengeti, auch wenn man bis dato glaubte, es sei ein afrikanisches Nationalgericht, nur, um irgendwie interessant und gebildet zu wirken.

Nun ist aber das Problem mit einem verlorenen Selbst, dass man es ein wenig schwerer wiederfindet als den verloren gegangen Schlüssel. Es gib leider kein Fundbüro in das man gehen und fragen könnte: „Entschuldigung, ich glaube, ich habe mich gestern in der U-Bahn verloren. Bin ich vielleicht zufällig bei Ihnen abgegeben worden?“ Nein, leider gestaltet sich die Suche nach dem Selbst ein wenig schwieriger.

Ich hätte auch nicht sagen können, wann genau ich mir abhanden gekommen bin. Als ich dem Drängen meiner Eltern nachgab und tatsächlich eine Banklehre begann oder vielleicht schon viel früher, nämlich als ich (übergewichtig und unsportlich wie ich war) zu einem Bodenturnkurs ging. Ich weiß es nicht – vielleicht hatte ich mich auch noch nie wirklich gefunden. Was ich aber wusste war, ich wollte mich finden, ich wollte endlich wissen wer ich war. Aber wie sollte ich das anstellen? Wie findet man sich und wo findet man sich?

Ja ja, ich weiß, es gibt Unmengen an Ratgebern, Selbstfindungskursen und entsprechenden Reiseangeboten. Aber eines war mir damals schon klar: Kein Ratgeber dieser Welt kann mir sagen, wer ich bin. Kann mir sagen wie ich leben und glücklich werden kann – denn niemand ist wie ich und niemand sieht die Welt wie ich. Alle Ratgeber und Ratschläger dieser Welt können nur ihre Sicht der Dinge und ihren Weg zum Glück beschreiben, niemals aber meinen eigenen. Eine Einsicht, von der ich heute noch überzeugt bin und die mich konsequent allen Ratgeberbüchern aus dem Weg gehen lässt. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und hier öffentlich dazu aufrufen, alle Ratgeber aus dem Fenster zu schmeißen.

Ich wusste also, ich muss mich selber auf die Suche machen – bloß wie?

Lange habe ich überlegt, ob ich für eine bestimmte Zeit ins Ausland gehe, nach Afrika oder Indien oder nach Nepal in ein Kloster. Das schien mir sehr verlockend – in der Fremde nach dem vermeintlich vertrauten Selbst suchen. Letztlich aber entschied ich, dass der Ort zur Selbstfindung gänzlich unerheblich ist, denn ich bin ich, wo auch immer ich bin. Also könnte ich mich genauso gut in meiner 2-Zimmer-Wohnung in Frankfurt auf die Suche nach mir machen. Und genau das tat ich dann auch.

Ich suchte mich. Ich suchte mich in Büchern, ich suchte mich in der Philosophie, in der Musik und verschiedenen, ganz unterschiedlichen Jobs, ich suchte mich in meinen Freunden, in meiner Familie. Und ich fing an, mich zu beobachten. Wann und in welchen Situationen fühlte ich mich wohl, wann wollte ich eher flüchten, bei welchem Job kam ich zufrieden nach Hause und bei welchem fehlte mir der Sinn? Wann machte mir Essen Spaß und wann war es reine Nahrungsaufnahme, wie könnte ich einen Wein beschreiben, der mir schmeckte – eher kräftig, eher weich?

Das war im Grund eine einfache aber recht spannende Angelegenheit: Ich entdeckte mich, meine Vorlieben, meine Eigenschaften, die guten und die schlechten – aber das alles war ich.

Und noch etwas entdeckte ich: Ich bin immer auch mein Gegenteil. Bin ich eigentlich ziemlich ungeduldig, so gibt es doch auch einen geduldigen Teil in mir. Bin ich eigentlich ein aktiver, eher unruhiger Mensch, so genieße ich doch ab und an das völlige Nichtstun. Ich rede gern viel und mag das Schweigen, ich lache oft und bin nah am Wasser gebaut, ich bin laut und liebe die Stille – ob sich das widerspricht? Nicht im Geringsten – das bin alles ich. Und es hat mich Jahre gekostet, dieses Ich zu finden und den Mut aufzubringen, dieses Ich auch zu leben. Manchmal nahm diese Suche fast komische Züge an: Jahrelang war ich auf der Suche wie ich Abschalten, den Kopf still stellen könnte  – ich probierte Yoga, Meditation, autogenes Training, ging sogar zur Therapie auf der Suche nach dem Aus-Knopf – bis ich eines Tages feststellte, dass ich gar nicht abschalten wollte! Ich wollte denken, ich wollte handeln, ich wollte mich aktiv kümmern – jahrelang hatte ich in eine Richtung gesucht, die nicht die meine war, wie sollte ich dann etwas finden? Ein anderes Mal folgte ich dem Rat einiger Laufbegeisterten und begann zu Joggen. Ich bildete mir ein, dass das genau das Richtige für mich sei. Ich kaufte eine Ausrüstung, ließ mir einen Trainingsplan erstellen und lief und lief und lief. Ungefährt ein halbes Jahr lang, 6 Tage die Woche – bis, ja bis ich mir endlich eingestand, dass ich Joggen furchtbar fand. Was war das für eine Erleichterung als ich es endlich sein ließ…

Heute weiß ich wer ich bin! Ich bin die, die es liebt zu schreiben und zu sprechen, ich bin die, die kräftige Rotweine mag und diese noch mehr genießt, wenn sie dabei philosophische Gespräche führen darf, ich bin die, die den besten Job der Welt hat – natürlich nur für mich gesprochen – und ich bin tatsächlich auch die, die Yoga mag, weil es mich entspannt und entschleunigt.

Ich teile diese Erfahrungen mit Euch, weil ich es so wichtig finde, dass Menschen den Mut haben, sich auf die Suche zu machen – auf die Suche nach sich selbst und nicht nach den Erwartungen der anderen. Viel zu oft hören wir auf gelernte Moral- oder Wertvorstellungen, hören wir auf die Gesellschaft oder die oft übermächtigen Elternfiguren und viel zu oft verlernen wir dabei auf uns selbst zu schauen und zu hören. Natürlich ist dieser Weg nicht immer einfach, heißt er doch auch, alleinige Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und das ist nicht immer leicht. Da ist es doch viel leichter, die anderen verantwortlich zu machen, die Eltern, die Lehrer, das Leben als solches – oder wenn es gar nicht mehr anders geht, das Schicksal oder Gott. Aber ich denke, dass es nur eine einzige Person auf der Welt gibt, die die Verantwortung über unser Leben hat, die die Verantwortung über Gelingen und Misslingen, über Glück und Leid, über Zufrieden- und Unzufriedenheit hat und das sind wir selber. Ich habe entschieden, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen, voller Dingen, die ich mag und einem Job, den ich liebe – wer macht mit?

13 Comments

  1. Cäcilie Zabolitzki
    21. März 2014

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    Lieben Dank Astrid, für Deine Worte. Ich finde es wundervoll, wenn immer mehr Menschen den Mut haben, ihren eigenen Weg zu gehen, ihr eigenes Leben zu leben und ihr eigenes ICH zu finden. Für mich kann ich sagen: ich bin auf dem Weg. 🙂

    • Astrid
      23. März 2014

      Ich danke Dir, liebe Cäcilie und freue mich, einen Teil dieses Weges gerade mit Dir zu gehen! Hab einen wunderschönen Sonntag!

  2. Jenny
    23. März 2014

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    Sehr inspirierend! Ich sehe das alles sehr ähnlich (was das Leben auch nicht gerade leicht macht), denke aber dann immer daran, dass es sich auszahlen wird, kein Schaf zu sein und sich selbst+seinen einzigartigen Weg zu finden.
    Danke für die Bestätigung!! 🙂

  3. Marlies F.
    23. März 2014

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    Wunderschöner und ehrlicher Text. Ich bin sicher, dass er dem ein oder anderen sehr helfen wird. Man glaubt ja immer, dass an ziemlich alleine mit solchen Problemen ist. Der Text zeigt, dass man damit falsch liegt und dass man sich selbst aus dieser Situation herausholen kann – denn nicht immer können einem andere Personen dabei helfen.
    Ich finde es wichtig, sich selbst zu beobachten und herauszufinden wie man tickt. Heutzutage ist es wirklich schwer (und es brauch ne menge Mut) man selbst zu sein – dabei gibt es doch nichts schöneres.
    Es freut mich wirklich sehr, dass du dich gefunden hast. 😀
    <3

  4. Teresa
    24. März 2014

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    Wow… liebste Astrid, du sprichst mir aus der Seele!
    Ich FÜHLE das alles immer (nur) und kann es eher schwer in Worte fassen, weshalb ich mich megamässig freue, dass es Menschen wie Dich gibt, die diese Wichtigkeite des Themas „finde Dich selbst“ so wundervoll niederschreiben können.
    Ich danke Dir, dass ich mich in Deinen Worten wiederfinden konnte.
    herzlichen Gruss Teresa

  5. Astrid
    24. März 2014

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    Wow, was für ein Montagmorgen mit all den netten und wunderschönen Kommentaren von Euch – ich freu mich wirklich sehr über Eure Rückmeldungen!
    Danke!

  6. susanne
    3. April 2014

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    Toller Einstieg liebe Astrid! I like a lot!!!!

  7. A.
    8. Mai 2014

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    Hallo Astrid,

    ich bin durch einen gemeinsamen Bekannten auf diesen Blog gestoßen.
    Zur Zeit befinde ich mich in einer sehr schwierigen Phase und bin genauso auf der Suche. Auf der Suche nach Glück, auf der Suche nach Zufriedenheit, auf der Suche nach Ruhe … also reduziert auf der Suche nach meinem Ich und MEINEM Leben!
    Ich bin noch nicht so weit wie Du und habe auch noch einen ganz weiten Weg vor mir, den ich leider nur in ganz klitzekleinen Schritten beschreite.
    Auf jeden Fall ist dieser Artikel wie ein Spiegel … bis hin zum Joggen! Okay okay, ich habe noch nicht meditiert und habe auch noch keinen Yoga Kurs besucht, aber ansonsten finde ich mich wirklich eins zu eins wieder!
    Ich wünsche Dir einen schönen Abend und sage … Vielen Dank!

    Liebe Grüße
    A.

  8. Astrid
    9. Mai 2014

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    Hallo A., ich danke Dir für Deinen Kommentar und die offenen Worte.
    Ich selber hatte immer das Gefühl, dass alle anderen schon genau wüssten, was und wer sie sind und nur ich noch so verwirrt durch die Welt irre – nun weiß ich, dass es anders ist… Ich denke auch, dass ich in gewisser Weise immer auf der Suche sein werde, wo finde ich mich in der so schnelllebigen Welt und wie kann ich auch bei mir bleiben? Gar nicht so leicht… Und mit der Zufriedenheit ist das auch so eine Sache, über die ich momentan stark nachdenke: was genau bedeutet Zufriedenheit? Bedeutet es, dass man keine Veränderung mehr wünscht, sondern alles so bleiben soll wie es ist? Dann möchte ich, ehrlich gesagt, nie zufrieden sein – oder ist Zufriedenheit immer nur eine Momentaufnahme für den Augenblick? Tja, ich habe noch viele Fragen, über die es sich lohnt Nachzudenken – vielleicht hier in diesem Blog? Dir wünsche ich viel Spaß auf Deiner Suche, wer weiß, was Du alles entdecken wirst; ich jedenfalls war einige Male richtig überrascht! Alles Gute auf Deinem Weg, Astrid

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    21. Mai 2014

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    10. Juli 2014

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    Aus der Seele gesprochen !! Tolle Worte !!! 🙂
    Erkennt man sich einwenig selbst !!

    • Astrid
      12. Juli 2014

      Ich danke Dir Thorsten, das freut mich sehr zu hören!
      Und wenn Du Dich in meinen Worten wieder erkennst, freut mich das noch mehr!
      Ein schönes Wochenende wünsche ich Dir,
      Astrid

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