Heimat auf Rezept!

März 25, 2014|Posted in: Artikel, Kurzgeschichten|By

Heimat ist ein großer und vielschichtiger Begriff, und für jeden von Euch vermutlich mit unterschiedlichen Emotionen und Erinnerungen belegt.
Ich denke zum Beispiel an geistige Heimat und frage mich, ob es analog dazu auch eine emotionale Heimat gibt. Ich denke an meine eigene Heimat und sofort steigen schöne und verstörende Bilder in mir auf.
Heimat hat immer viel mit Geschichten zu tun. Geschichten die wir selbst erlebten, oder die wir erzählt bekommen haben.

Lasst mich Euch zunächst eine kleine Heimatgeschichte aus meiner Kindheit erzählen, bevor ich sie suchen gehe, die Heimat:

Ein kleines Mädchen läuft aufgeregt an der Hand seiner Mutter über einen festlich dekorierten Weihnachtsmarkt. Durch die Luft wabern Schwaden aus Lebkuchengewürz und Zimt.
Rote, klebrige, mit Zucker überzogene Äpfel liegen in den Auslagen der Hütten und kleine Kinderhände sehnen sich danach, daran fest zu kleben, oder zumindest eine Zuckerwattewolke zu ergattern, die sie stolz auseinander pflücken können.
Dieses runzlige kleine Pflaumentoffelpaar wird aus Bauchläden heraus angeboten und unter der Hand wird hier und da Dresdner Christstollen verkauft.

Mutter und Tochter laufen über den Striezelmarkt hinweg, an der Ruine der Frauenkirche vorbei und stehen irgendwann am Terrassenufer und blicken auf die Elbe.

Dieser große, bedächtige sich schlängelnde Fluss, dem es immer schon völlig egal war, was um ihn herum passierte. Die Elbe floss und scherte sich nicht im Mindesten um das Glück der Menschen, die auf ihren Wiesen spazieren gingen, sich an den Händen hielten, flüsterten, weil man sie nicht hören sollte, und die – noch früher – über sie hinweg rannten, weil sie vor den Bomben flohen.
Die Elbe war sich einfach immer schon selbst genug und völlig unbeteiligt am Schicksal ihrer Anwohner.

Das kleine Mädchen steht oben am Terrassenufer und blickt auf die Elbe. Nichts ahnend von Alldem was gewesen, oder noch kommen würde, aber mit der Gewissheit, dass dieser Fluss, mit seinen sanftmütigen Wiesen, von Raureif zugedeckt, ihr Zuhause ist.

Zwei Jahre später sitzt sie in einem Zug. Es herrscht Totenstille.
Der Zug rollt langsam aus, bis er zu Stehen kommt. Türen werden aufgerissen, uniformierte Soldaten mit Hunden ergreifen von dem Zug Besitz und durchkämmen Waggon für Waggon und Abteil für Abteil.
Innerdeutsche Grenze, 1986.
Der Mutter tropft die Nervosität, im Schweiß manifestiert, aus jeder Pore. Die Ausreise wurde  genehmigt, dennoch weiß sie nicht, was gleich passieren wird.

Das Mädchen bekommt von Alldem nicht viel mit. Sie schaut aus dem Fenster, nein sie starrt.
Ihr blickt heftet sich an jeden Baum, an jedes Blatt vor dem Fenster. Es ist Hochsommer, die Bäume und Felder leuchten in einem satten Grün. Am Horizont wellen sich harmlose friedliche Hügel, ein paar Vögel kreisen, irgendwo in weiter Ferne stehen ein paar Rinder, die eigentlich nur als schwarz-weiße Punkte auszumachen sind.

AUSWEISE, FAHRSCHEINE!

Und da schlängelt sich ein Weg durch ein Feld. Irgendjemand läuft diesen Weg entlang, dem Horizont entgegen, sein Rhythmus ist Gleichklang.

Ihre Aufmerksamkeit verlagert sich.

Wieviele weiße kleine Wölkchen am Himmel stehen, und wie schnell sie doch vorbei ziehen. Rastlos schieben sie sich von rechts nach links. Sie sehen aus, als würden sie etwas, das in ihrem Kern liegt, in Watte packen.

ZUM WEM GEHÖRT DAS KIND?

Die da, sieht aus wie ein huzzeliger alter Apfel, und die daneben wie die Krone eines Baumes, und die erst, die sieht aus wie ein alter Mann mit ganz wuscheligem Bart.

Der Zug setzt sich langsam wieder in Bewegung. Das monotone Geräusch der Räder, die über die Schwellen rattern, beschleunigt langsam, bis es sein gewolltes Maximum erreicht hat. Langsam beginnen die Menschen wieder zu atmen und die Gespräche kehren zurück.

Der Blick des Mädchens scheint noch in den Wolken verloren, aber ihre Konzentration lässt behutsam nach. Sie kehrt verloren in das Abteil zurück und nimmt die Menschen und Geräusche um sich herum wieder wahr, als sie ihren Kopf mit Bedacht vom Fenster abwendet.

Die Landschaft und die Dörfer verändern sich. Die Häuser sehen viel bunter, frischer und gesünder aus. Das Grau in Grau wird zu einem strahlenden Weiß in Bunt.

Die Fassaden der kleinen Bahnhöfe, durch die der Zug mit leicht verminderter Geschwindigkeit hindurch rattert, sind befreit von dem trüben Schleier aus Dreck, den die Kohle auf allem hinterlassen hat.
Blühende Landschaften?

Der Zug erreicht schon bald sein Ziel.
Hohe – nein für sie gigantische – Häuser, wie sie sie noch nie gesehen hat, erscheinen vor ihrem Fenster. Der Zug überwindet einen Fluss und fährt über eine Brücke, den Wolkenkratzern entgegen.
Eine Stadt durch einen Fluss geteilt. Eine Gemeinsamkeit, die ihr gefällt.
Die Wiesen sind jedoch nicht so prächtig, so breit, so gemütlich und lieblich. Das Ufer ist befestigt und nur ein schmaler Streifen Grün bildet die Grenze zur Hektik und Geschäftigkeit dieser unruhigen Stadt.

Vor ihr eröffnet sich ein Bild aus unendlich vielen Gleisen und Zügen. Güterzüge, grüne Züge und doppelstöckige rote Züge. Schon erscheint ein Gewusel aus Menschen am Rande des Bahnsteiges, und der Zug drosselt seine Geschwindigkeit, um völlig unbeteiligt seiner Bestimmung entgegen zu gehen.
Im Inneren entsteht Hektik, alle drängeln sich mit ihren Koffern und Taschen in den engen Gang.
Im Außen herrscht nicht minder viel Aufregung, denn auf viele der gleich anstehenden Begegnungen wurde sehr lange, sehr schmerzhaft und sehr entbehrungsreich gewartet.

Der Geruch der Stadt ist ihr noch fremd und Alles ist so bunt.
Schillernde Werbetafeln im Bahnhofsgebäude und in den Straßen, an den Ecken dieser unglaublich mächtigen, hohen und verglasten Häuser.
Sie fahren durch diese kreischend laute, hektische und pulsierende Stadt.
Sie hört wie jemand im Auto sagt: „Du kannst hier Alles kaufen, wenn Du es nur bezahlen kannst, auch einen rosa Elefanten.“

Ihre neues Zuhause, die Stadt, in der es rosa Elefanten gibt.

Dresden und Frankfurt. Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust. Größer hätte ein Kulturschock innerhalb Deutschlands wohl kaum ausfallen können.

1986 – im noch geteilten Deutschland.

Das Eine ist die Stadt meiner Kindheit. Verbunden mit all den kindlich schönen Erinnerungen, der Familie, den kleinen und großen Abenteuern, den Gute-Nacht-Geschichten, eben der Ort an dem die Träume wohnten, nur in Missklang versetzt durch die Repressalien die ich als Kind der ehemaligen DDR schon zu spüren bekam.

Das Andere ist die Stadt meiner Jugend und meines erwachsenen Lebens. Meines kleinen Kampfes um deutsch-deutsche Integration, der ersten Liebe, des Abiturs, des Studiums, des Einstieges in den Beruf, der Trennungen, der folgenden Lieben und tiefen Freundschaften, meines Alltags.

9 Jahre in Dresden und 28 Jahre in Frankfurt. Die Bilanz fällt rein rechnerisch recht deutlich aus.
Dennoch wird Dresden immer auch ein Teil dessen bleiben, was ich unter Heimat verstehe, genauso wie Frankfurt auch.

Und ich habe noch mehr Heimaten.

Wenn ich in einer einsamen flachen Landschaft stehe, durchzogen von Seen, fühle ich mich dort genau richtig, da mein Vater in großer Melancholie an diese Landschaften sein Herz verloren hat und mich das geprägt hat.
Stehe ich in den Bergen, finde ich das schön, aber es ist kein Seelenort für mich.
Generell ist da wo meine Eltern leben meine Heimat.
Bei meinem Vater auf einem Bauernhof, in der bald vergessenen Region des alten Kohletagebaus zwischen Dresden und Berlin, oder bei meiner Mutter, die in Frankfurt geblieben ist.

Ich habe in Asien einen Ort zu dem ich mehr Heimatgefühle entwickelt habe, als zu Andern.
Singapur.
Meine beste Freundin aus Schulzeiten, mit der ich ab der fünften Klasse die Schulbank gedrückt habe, lebt dort. Wenn ich sie besuche, spielt der Ort an dem wir uns befinden eine untergeordnete Rolle. Sie ist Heimat für mich, und somit der Ort an dem sie lebt.

Heimat kann also überall sein, denn sie unterwirft sich sehr individuellen Kriterien, die sich allzu oft in unserem Inneren abspielen:
Erfahrungen, Erinnerungen, Menschen, örtliche Gegebenheiten – wie ein Fluss, Gerüche, Geschmäcker und Dinge die wir als Andenken mitnehmen und manchmal nur irgendwo abstellen, all das kann uns Heimat sein.

Wie können wir aber unsere Heimat verlieren, wenn sie sich doch in unserem Inneren immer bewahren lässt?

Wir können sie verlieren, wenn wir positive Verknüpfungspunkte durch Negative ersetzen müssen. Wenn eine negative Erinnerung eine Positive vertreibt, kann die Heimat mit ihr verloren gehen.

Meine Mutter zum Beispiel hat viel mehr Zeit ihres Lebens in Dresden verbracht, als in Frankfurt, aber sie sagt heute in einem, für Außenstehende oft nicht nachzuvollziehenden und harschen Ton, aber noch immer in leichtem Sächsisch, dass nur Frankfurt ihre Heimat sei.
Ihre Erinnerung an ihre Kindheit in Dresden beginnt irgendwo im Krieg und manifestiert sich in den Bombenangriffen auf Dresden, die sie mittendrin miterlebt hat. Danach kamen die Entbehrungen der Nachkriegszeit, gefolgt von der Teilung Deutschlands, und dem Leben unter permanenter Überwachung und Gängelung.
Ihre persönliche Befreiung fand vermutlich tatsächlich mit der Ausreise statt, so dass für sie Dresden vielleicht der Ort ihrer Geburt, aber nicht ihre emotionale Heimat ist.

Können wir komplett heimatlos sein?
Ich denke ja. Wenn wir nicht dieses Reservoir an positiven Gefühlen zu Menschen, Erinnerungen und Dingen haben, das uns ankern lässt, egal wo wir uns befinden und auf das wir immer zurück greifen können, wenn uns die Sicherheit und Stabilität unserer Heimat fehlt.

Ich kenne Menschen, die schon seit Jahren umherziehen. Zwei Jahre in diesem und dann zwei Jahre in jenem Land. Immer weiter, nie stimmen irgendwo die Rahmenbedingungen, um sich niederzulassen, oder um einfach einmal anzuhalten und durchzuatmen.
Ich spreche nicht von den Wanderlustigen, die Spaß daran haben durch die Welt zu ziehen, sondern von den Suchenden.
Sie suchen nach einer Antwort im Außen, die sie im Innen finden müssen.
Sie müssten das Heimatreservoir in sich auffüllen, um anhalten zu können. Sie merken nicht, dass sie nie etwas eingezahlt haben, so dass jetzt auf dem Heimatkonto kein Guthaben ist.
Es gibt zwar hier und da mal einen Kredit, aber auch der muss nach spätestens zwei Jahren wieder zurück gezahlt werden.

Suchen wir also besser nach der richtigen Währung die wir auf unser unser Heimatkonto einzahlen können, damit wir nicht ins Schlingern geraten, damit wir dieses massive und positive Gewicht in uns haben, das uns Stabilität geben kann.
Zahlen wir Liebe, Vergebung, Glaube, Erinnerungen und die vielen kleinen Heimat Give aways ein, die uns im Leben begegnen und lassen sie nicht unbeachtet links liegen, dann tragen wir die Heimat in uns und stehen immer stabil, egal ob uns Wüstenwinde, Sandstürme, Orkane am Meer oder Blitz und Donner im Gebirge über den Kopf fegen.

Ich habe mein Heimatkonto vor ein paar Jahren genauer betrachtet, als mir auffiel, dass ich auch zu den Ruhelosen und Suchenden gehörte. In mir war etwas ins Ungleichgewicht geraten und durcheinander gekommen. Mein Weggang aus meiner ersten Heimat hat mich entwurzelt und ich habe es lange Jahre nicht geschafft, in der neuen Heimat Wurzeln zu schlagen.
Erst als ich mir darüber klar wurde und bewusst begonnen habe einzuzahlen, Ordnung auf dem Konto zu machen, kam ich an.
Ich habe tatsächlich ganz viel Versöhnung mit meiner Geschichte, Liebe, Glaube, Freude, Freunde und viele kleine Heimat Give Aways eingezahlt, so dass ich heute meinen Anker überall werfen kann.

Das ist Heimat auf Rezept, genau wie diese Zwei hier, die ich jederzeit aus den Tiefen meines Heimatkontos zaubern kann – wenn mir danach ist.

Wie ist das bei Euch? Steht ihr stabil, oder biegt Euch der Sturm des Lebens manchmal noch zu sehr hin und her?
Was ist Euer Heimatrezept (egal ob in der Küche oder im übertragenen Sinn)?

1) Dresdner Eierschecke:

50 g Margarine
50 g Zucker
2 Ei(er)
100 g Mehl
1 TL, gehäuft Backpulver
500 g Quark (20% Fett)
2 Ei(er)
150 g Zucker
1 Pck.Puddingpulver (Vanille), Milch laut Packung
125 g Butter, zerlassen
75 g Zucker
1 Pck. Vanillezucker
3 Ei(er)
evtl. Mandeln

Es schadet nichts, wenn man damit anfängt, den Vanillepudding nach Anleitung zu kochen und dann zum Abkühlen beiseite zu stellen.
Als Nächstes vermengt man die Zutaten für den Boden (Margarine bis Backpulver) und füllt sie in eine gebutterte Springform und backt den Boden ca. 10 Minuten vor, bis er goldgelb ist.
In der Zwischenzeit vermengt man den Quark, die 2 Eier und den Zucker zu einer natürlich exorbitant leckeren Mischung. Nicht naschen, sondern ebenfalls beiseite stellen!
Wenn man bis dahin alles erledigt hat, nimmt man die 3 Eier und trennt sie.
Den Pudding mit Geduld und Muskelkraft fluffig schlagen, mit der Butter und den Eigelben verrühren. Eiweiß steif schlagen und ebenfalls unterheben (sehr langsam, damit es eine super Schecke ergibt – der Sachse ist ein geduldiger Mensch). Den vorbereiteten und vorgebackenen Boden mit der Quarkmasse bestreichen, dann die Scheckenmasse obendrauf geben. Je nach Geschmack mit Mandelblättern verzieren und dann bei 180°C (Umluft) ca. 45 Minuten backen lassen, bei Unter-/Oberhitze fällt sie Schecke leicht zusammen.

Man kann die Dresdner Eierschecke direkt nach dem Erkalten schon essen, aber besser ist sie nach 12 Stunden, wenn sie komplett durchgezogen und der Rand nicht mehr so trocken ist.

oder:

2) Handkäs mit Musik

4 Pakete Harzer Käse (á 125 Gramm)
3 Zwiebeln
12 EL Essig
15 EL Öl
1 TL Salz
1 Priese Pfeffer

– Bembel mit Lieblingsäppler (Lieblingsapfelwein / Apfelwein wird traditionell in Steingutkrügen, den sog. Bembeln, angeboten und aus den typischen Gläsern, den Gerippten, getrunken) bereit stellen.
Die Zwiebel schälen und in sehr kleine Würfel schneiden.
– Geripptes füllen und kurz den Durst stillen.
In einer großen Schüssel die Zwiebelwürfel mit Essig, Salz und Pfeffer gut durchmischen.
– Geripptes neu auffüllen
Zum Schluss das Öl hinzufügen. Den Käse mit der Marinade verrühren.
– Prost!
Mindestens 4-5 Stunden durchziehen lassen. Gut schließendes Gefäß verwenden, stinkt sonst wie die Hölle im Kühlschrank.
– Bembel neu befüllen
Handkäs rechtzeitig aus dem Kühlschrank nehmen, um ihn auf Zimmertemperatur zu bringen.
Am besten schmeckt er mit frischem Bauernbrot, Butter und Äppler.
– Prost!

5 Comments

  1. Christian Seehafer
    25. März 2014

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    Susi, habe grade bei einem Afterwork-Prosecco Deine ‚Ode an die Heimat(en)‘ gelesen. Sehr schön, sehr tief – und eine ausführliche Antwort verlangend: Ich habe grade ein neues Thema entdeckt… Danke!

    • susanne
      25. März 2014

      Christian, ich freu mich. Eine ausführliche Antwort von Dir kann ja nur eine Bereicherung sein! Hau in die Tasten, ich bin gespannt :-)!
      Und lass Dir den Prosecco schmecken…

  2. Thorsten
    26. März 2014

    Leave a Reply

    Hey, also doch ein Foodblog. Ich mag deine Art zu kochen, also nicht die Schecken, sondern die Checker Musik!

  3. Christian Seehafer
    26. März 2014

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    Die parallele Erweiterung zum Foodblog würde mir im Übrigen auch gut gefallen!

  4. susanne
    27. März 2014

    Leave a Reply

    Als Foodblog haben wir doch Falks Kulinarium (siehe Links). Aber wenn Du Deine Rezepte in Deinen Texten unterbringst, ist dem natürlich so :-). Aber dabei bitte immer an ausreichend Rotwein, Prosecco oder Äppler denken ;-)!

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