Was wir von Topfpflanzen lernen können

März 31, 2014|Posted in: Artikel|By

Es ist schon beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit unsere Mitmenschen ihre Lebensgeschichten in Zügen, S-Bahnen und Bussen verkünden – natürlich für alle Fahrgäste gut verständlich am Handy. Ohne Rücksicht auf die ungewollte Zuhörerschaft werden allerlei denk- und merkwürdige Themen verbreitet. Ganze Zugabteile werden so zu Zeugen von Rosenkriegen, Firmenpleiten- und geheimnissen oder, mein ganz persönliches Highlight, dürfen einen Schnellkurs in Kindererziehung miterleben.

Neulich zum Beispiel saß ich im Zug gen Frankfurt als eine Dame wieder einmal lautstark telefonierte. Ganz offensichtlich sprach sie mit einer Bekannten, vielleicht sogar einer Familienangehörigen, die im Krankenhaus lag. So weit, so gut, nichts Neues. Plötzlich allerdings hörte ich folgenden Satz. „Daran musst Du Dich jetzt gewöhnen, Du wirst nie wieder ganz die Alte, 100% wird das eben nicht mehr.“

Ich war kurz davor aufzuspringen, ihr das Telefon aus der Hand zu reißen und zu sagen: „Glauben Sie ihr kein Wort, selbstverständlich können Sie wieder ganz die Alte werden!“ Natürlich tat ich nichts dergleichen, sondern beschloss dieses Thema in meinem nächsten Artikel für talkabout aufzugreifen.

Wie kam diese Frau dazu, ihrer Freundin, Bekannten oder was auch immer, einen solchen Satz an den Kopf zu werfen? „Gewöhn Dich dran!“ Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Beispiele dieser Art fielen mir ein. Meine eigene Mutter hatte diesen Satz nach Ihrem Herzinfarkt auch mehrmals hören müssen, von Freunden und Bekannten, von Ärzten und Schwestern. Warum? Warum nehmen wir Menschen die Hoffnung auf Besserung, die Hoffnung darauf, dass eben doch wieder alles so werden kann wie früher? Wollen wir Ihnen Enttäuschung ersparen? Wissen wir es tatsächlich besser?

Es geht mir nicht darum, dass wir uns die Welt schön reden, dass wir Tatsachen verdrehen und unbegründete Hoffnung verbreiten sollen. Mir geht es darum, dass wir viel zu oft im Negativen stecken bleiben, dass wir uns mehr mit den Problemen statt mit unseren Zielen und möglichen Lösungen auseinandersetzen. Es gibt so viele Geschichten, die uns lehren, dass der Glaube tatsächlich Berge versetzen kann.

Warum also prägen wir uns und unsere Umwelt viel zu oft mit solchen negativen Aussagen, halten uns und unsere Gesprächspartner in diesen Zweifeln und Problemen gefangen? Wäre es nicht sinnvoller Mut zu machen? Wäre es nicht sinnvoller sich auf die Lösung, auf das Ziel zu konzentrieren?

Wie war das noch mit den selbsterfüllenden Prophezeiungen? Diese bewahrheiten sich lediglich durch deren Existenz. Wir sprechen etwas laut aus und erwecken es damit zum Leben. Es gibt mannigfaltige Experimente zu diesem Thema, eines davon hat mich wirklich erstaunt: Man führte mit Schülern einer Schulklasse einen Intelligenztest durch. Dann wurde einem willkürlichen Teil der Klasse erzählt, dass sie zu den Besten gehörten. Am Ende des Schuljahres konnte man eine Erhöhung des Intelligenzquotienten dieser Gruppe nachweisen. Wie funktioniert das?

Einfach erklärt: Wir versuchen, uns den Aussagen anzupassen. Oder ein wenig wissenschaftlicher erklärt: wenn Realität und Aussage nicht zusammenpassen, empfinden wir Menschen eine so genannte kognitive Dissonanz, die wir versuchen mit einem entsprechenden Verhalten auszugleichen. Wir fangen also an, die Aussage wahr werden zu lassen – ohne, dass uns dieses unbedingt bewusst werden muss, wir tun es einfach. Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage abermals und noch stärker auf: Warum machen wir so selten Mut,  warum richten wir unser Augenmerk viel zu selten auf positive Ziele und Lösungen?

In der Natur haben wir so viele gute Vorbilder: jede stinknormale Topfpflanze kann es besser als wir, lebt uns vor wie es gehen könnte. Jede simple Topfpflanze richtet sich dorthin aus, wohin sie will, nämlich zur Sonne. Ganz egal wo die Pflanze steht, ganz egal wie rum wir sie auf der Fensterbank drehen, sie wird sich immer in Richtung der Sonne ausrichten.

Und was machen wir Menschen? Im Grunde das genaue Gegenteil. Indem wir ständig Angst vor Problemen, Angst vor den Risiken haben, denken wir viel öfter an sie als an unsere Ziele und richten uns letztlich dann auch in Richtung Problem aus –wir steuern quasi direkt drauf zu. Hat jemand von Euch einen Hund? Wenn Ihr Eurem Hund ruhig und bestimmt sagt: „Mach jetzt bitte auf gar keinen Fall und unter keinen Umständen „Sitz“. Was meint Ihr wird er höchstwahrscheinlich tun? Genau, „Sitz“ wird er machen. Er kann mit Verneinung nichts anfangen, hört nur das gelernte Kommando „Sitz“ und handelt dementsprechend.

Wir Menschen sind im Grunde ähnlich. Wir können noch so oft sagen, hierhin oder dorthin wollen wir auf keinen Fall, wir können noch so oft denken bloß nicht auf das Problem zusteuern, wir werden es garantiert trotzdem tun. Unser Gehirn, unser Unterbewusstsein hört Problem und steuert es an – wir können nichts dagegen tun.

Was meint Ihr also, hört unser Gehirn, wenn wir uns so tolle Ziele setzen wie „Ich will nicht mehr rauchen“ oder „Ich will nicht mehr so viel essen“? Ich glaube tatsächlich, dass viele Menschen Ihre Ziele nicht erreichen, ihre guten Vorsätze nicht sehr lange durchalten, weil sie diese negativ statt positiv formulieren.

Dabei hat schon Plotin vor langer Zeit erkannt, dass unsere Seele immer den Weg einschlägt, den wir ihr vordenken. Denken wir also an das Problem, schlagen wir den Weg zum Problem ein, denken wir aber an unser Ziel, werden wir uns auch in Richtung Ziel bewegen. Die Konzentration auf das Ziel, auf das, was wir erreichen wollten fällt uns allerdings schwer. Wir sind schnell dabei alle möglichen Risiken zu entdecken und abzuwägen, wir sind schnell dabei alle überhaupt nur denkbaren Probleme auf unserem Weg zum Ziel aufzulisten – bei der Problemfindung sind wir überaus kreativ und einfallsreich. Und je mehr wir uns mit den Risiken und Problemen befassen, desto mehr betonen wir ebendiese und steuern direkt auf sie zu. Am Ende wundern wir uns, wie unser Vorhaben denn schief gehen konnte, wir hatten doch so ein gutes Risikomanagement – wie wundervoll sarkastisch.

Lasst uns also anfangen von unseren Topfpflanzen zu lernen – das Usambaraveilchen auf der Fensterbank macht es uns vor. Lasst uns positiv denken, lasst uns immer nach dem strecken, was wir wollen und keine Angst vor dem haben, was wir nicht wollen. Ich glaube, wir könnten damit ansteckend wirken.

Dann mal los!

2 Comments

  1. Michael
    1. April 2014

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    Ich bin beeindruckt wie Du für die Hoffnungslosen kämpfst! 😉

    Weiter so!

  2. Astrid
    1. April 2014

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    Gelernt ist gelernt:-)

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