Verloren bis zum nächsten Tag

April 2, 2014|Posted in: Kurzgeschichten|By

Die Kirchturmuhr schlägt zwölf, wie immer, wie jeden Tag auf die Minute genau. Ein Klang der Monotonie, die er schon seit Jahren vor sich herschiebt.

Der Tag ist bereits fünf Stunden alt.

Den Schädel noch voller Trunkenheit, fühlt er zum wiederholten Mal den kalten Griff der Kühlschranktür, das Innere ist leer.

Schon seit langem hat er sich nicht mehr um Nachschub bemüht, nur der eigene Drang nach vermeintlich leichten Suchtmitteln zerrte ihn in einem unbändigen Rhythmus zum Spätverkauf, um seine Begierde nach Verdrängung zu befriedigen.

Das alltägliche Ritual beginnt mit der unbewussten Steuerung der Fernbedienung, um die Zeit zum Glockenschlag zu überbrücken. Der Stubenvogel, benannt nach dem zweiten Vornamen seines Großvaters, genießt seine Freiheit in den verrauchten Betonwänden, die  mit Papiertapeten aus vergilbten Strandmotiven zugeklebt sind.

Mittags endlich kann er das Haus verlassen, um sich mit seinesgleichen, den gleichgültigen Seelen aus seinem Biotop zu treffen. Es gibt niemals Neuigkeiten auf der Parkbank zu erfahren oder zu verkünden, aber die gestählte Verbundenheit eines gemeinsamen Schicksals schweißt enger zusammen, als es je ihre Familienbunde konnten. Denn das, was sie miteinander teilen, ist für all diejenigen, die an ihnen vorbei gehen, nicht greifbar. Keiner kann je nachvollziehen, was sie zu Gleichgesinnten macht.

Sie sind ein Bund von verlorenen Seelen, völlig hilflos im Alltag, sich selbst ausgeliefert und zu keiner Zeit bereit, einen Schritt zurück oder voranzugehen.

Stillstand ist das Rezept, Gleichgültigkeit ihre Medizin.

Mit einem Rucksack voller Emotionen und mit der Gewissheit, daß es immer andere geben wird, denen es schlechter geht als ihm selbst, verlegt er seinen Missmut wieder in seine eigenen vier Wände.

Vergeblich sucht er nach einer Routine, nach einer sinnvollen Beschäftigung, die sich lediglich darin äußert, daß er seinem Friedrich noch eine Stunde Ausflug zugesteht, die gestapelten Behördenpapiere erneut zur Seite legt, er seine Videosammlung zum wiederholten Mal nach dem Alphabet ordnet, verblichene Familienfotos mit Wehmut versucht zu vergessen und die Kinderzeichnungen an der Kühlschranktür der verlorenen Tochter ignoriert.

Er kann sich selbst nicht mehr begreifen. Nichts ergibt mehr irgendeinen Sinn, weder der unnötig paralysierende Alltagstrott, noch der unscharfe Blick in eine Zukunft, die er nicht im Ansatz fassen kann.

Er ist zu alt für einen neuen Job und viel zu jung für eine Rente. Dazwischen liegen noch mehr als zehn Jahre, die es gilt zu überbrücken. Er weiß, er hat keine Chance, diesen Kreislauf nochmals zu durchbrechen.

Zahlreiche Gelegenheitsjobs gaben ihm einen kurzfristigen Halt, aber nie die Gewissheit für ein beständiges Dasein.

Er liebte seinen Job als Monteur, es war für ihn Genugtuung und Erfüllung zugleich. Die Wochenenden, an denen er mit seinen Kumpels nach dem Fußball noch nebenbei irgendwelche Schrottwagen wieder zum Laufen brachte, wird er nie vergessen. Er konnte den Motor, das pumpende Herz eines Autos, wie ein Chirurg auseinander nehmen und blind wieder zusammen setzen. Die Zeit der elektronischen Austauschbarkeit hat ihn überholt.

Er weiß, daß er keine Chance mehr hat.

Die TV- Nachrichten vor dem Spielfilm geben ihm zumindest ansatzweise das Gefühl, informiert zu sein, mitreden zu können, wenn es am nächsten Tag mit seinesgleichen wieder um weltpolitische Dissonanzen und soziale Gerechtigkeiten geht.

Eine Stunde später lässt er den Hörer in die Gabel fallen. Seine Tochter machte ihm in einem einzigen unmissverständlichen Satz klar, daß sie mit so etwas wie ihm nichts mehr zu tun haben will.

Seit Tagen hatte er mit sich selbst und seiner inneren Feigheit gekämpft, auf diesen Moment der Überwindung hingearbeitet. Doch selbst sein eigen Fleisch und Blut verleugnet ihn ob seiner sozialen Hilflosigkeit. Daß seine ehemalige Ehefrau vor Jahren von ihm gegangen ist, damit hat er sich abgefunden. Es schmerzt nicht mehr, es behindert lediglich seine Gedanken, und das in einer dumpfen Stetigkeit.

Die Flasche billigen Wodkas, die im Eisfach liegt, hilft ihm seine noch verborgene Wehleidigkeit zu ertränken. Das Hintergrundrauschen von stupiden Werbeclips reißt ihn weit nach Mitternacht aus seiner wachen Trunkenheit und müßigt ihn, sich auf seinem Sofa auszustrecken.

Es kommt ein neuer Tag, ein anderer, aber er wird genauso verlaufen wie der heutige, der längst vergessene.

Die Ordnung des nächsten Tages bringt spätestens für ihn der Glockenschlag der Kirche gegenüber.

Hart und unerbittlich.

Punkt zwölf Uhr.

2 Comments

  1. susanne
    2. April 2014

    Leave a Reply

    Schöne Bildsprache, ich hab es genau vor Augen.
    Darauf einen Prosecco, um die Melancholie zu vertreiben 😉

Hinterlasse einen Kommentar


*