Armageddon!

April 28, 2014|Posted in: Artikel|By

Ich gebe es ja zu: Ich bin ein Ex-Esoteriker! Wahrscheinlich gibt es nur wenige Gurus, Lamas und polnische Aura-Heilerinnen, zu deren Füßen ich nicht schon gesessen habe und an deren Lippen ich nicht schon hing – nur mit meinen Augen und Ohren, in den allermeisten Fällen zumindest.

In einem früheren Leben – und damit meine ich nicht vor meiner Geburt – war ich hungrig nach frischen Gedanken jenseits des Mainstreams und dieser Appetit führte mich schnurstracks in die Eso-Szene. Heute jedoch fühlt sich spirituelles Gedankengut für mich so abgestanden an wie ein Stausee – und zwar wie ein sehr, sehr über- und durchschaubarer.

Ein Ergebnis meines jahrelangen Eintauchens in die Welt der Mythen und Mysterien war, dass ich es tatsächlich über einen längeren Zeitraum hinweg nicht nur für möglich, sondern auch für wahrscheinlich gehalten habe, dass die Welt am 21. Dezember 2012 untergehen würde oder aufsteigen in eine andere Dimension oder sich in irgendeiner Art und Weise, die wirklich spürbar und wahrnehmbar wäre, schlagartig transformieren würde. Daher habe ich auch nie einen Bausparvertrag abgeschlossen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass dieser in irgendeinem derartigen Szenario noch eine nennenswerte Bedeutung haben würde.

Skeptisch wurde ich aber langsam als die professionellen Mystiker, Geheimniskrämer und Meinungsmacher nach und nach begannen, ihre einst klaren Aussagen zu revidierten, deren Kanon ursprünglich war: „Ja, die Welt, wie wir sie kennen, wird am 21. Dezember 2012 enden und etwas völlig Neues, Anderes wird entstehen.“

Im Laufe des besagten Jahres und teilweise bereits in den Jahren davor wurden die selben Stimmen, die noch in der vorherigen Dekade so entschieden und klar klangen, diffuser und zurückhaltender und die vorherrschende Meinung der spirituellen Vordenker wandelte sich zu: „Naja, natürlich wird nicht schlagartig alles anders, 2012 ist mehr so etwas wie ein Symbol für einen Wandel, der ja ohnehin schon lange begonnen hat und weiterläuft.“

Meine Enttäuschung war groß und wurde noch größer als erst die Mayas einen Kalender ausgruben, der doch noch viele Jahre mehr in petto hatte, und schließlich auch noch die NASA eine Website veröffentlichte, auf der die Doomsday-Mythen des besagten Datums rundum und vernichtend wie bei einem Meteroiten-Einschlag aus den Angeln gehoben wurden, inklusive der Mythen, dass ein Meteroit einschlagen würde oder dass die planetare Achse aus den Angeln gehoben werden würde.

Und die NASA müsste es ja wisssen, denn die hatten ja immerhin schon erfolgreich Menschen auf den Mond geschickt – die falschen zwar, wie ich nach wie vor finde, aber diese und auch die Frage, ob sie das tatsächlich getan haben, gehört nicht hierher, sondern meiner Meinung nach eher in oben genannten Stausee.

Wie auch immer, zurück zur Erde, die nach wie vor da ist und auch nach dem 21. Dezember 2012 noch die selben Probleme hat,  die sie zuvor hatte, nur eben weiter fortgeschritten. Auch die NASA, meine Stimme der Vernunft, die es zwar bis heute immer noch nicht geschafft hat, mich zum Abschluss eines Bausparvertrages zu überzeugen, wobei man zu ihrer Verteidigung eingestehen muss, dass sie es nie ernsthaft versucht hat, hat nun eine weitere Seite veröffentlicht, auf der sich alles um eine von ihr in Auftrag gegebene groß angelegte Studie dreht, die besagt, dass der Weltuntergang nun doch unumgänglich sei!

Man hat sich zwar nicht auf ein konkretes Datum festlegen lassen und mit Weltuntergang ist in diesem Fall in erster Linie das Ende der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen, gemeint, zur Freude der anderen Spezies – ja, das ist schon Plural, ich habe es gegoogelt, und ja, „gegoogelt“ schreibt man so und nicht „gegooglet,“ auch das habe ich gegoogelt – die den Bericht der NASA höchstwahrscheinlich gar nicht gelesen haben, aber dennoch zu stillen Profiteuren dieser Einschränkung werden werden.

Das letzte „werden“ war mit großer Sicherheit zu viel, aber von einer Überprüfung per Google habe ich abgesehen: Da Google laut des NASA-Berichts voraussichtlich gemeinsam mit der Menschheit untergehen wird, beginne ich jetzt schon einmal mit der Entwöhnungsphase. Das wird so zwar auf der besagten NASA-Seite nicht ausdrücklich empfohlen, aber so ein bisschen zwischen den Zeilen darf man ja schließlich auch als Ex-Esoteriker noch lesen, ohne gleich als Verschwörungstheoretiker zu gelten.

Jedenfalls war ich doch sehr bewegt, bedrückt und fasziniert ob der Vehemenz der NASA-Aussage, insbesondere da dieser Verein viel eher für seine Wissenschaftlichkeit berüchtigt ist als für seine Bereitschaft, sich zu öffentlichkeitswirksamen Falschaussagen hinreißen zu lassen. Es ist eben doch etwas ganz anderes, ob man einen Menschen zum Mond schicken oder eine Religion gründen will.

Was die NASA getan hat und was zu diesem für die menschliche Zivilisation fatalen Ergebnis geführt hat, ist, dass sie sich die Vergangenheit der menschlichen Zivilisationen angesehen hat, denn selbst die NASA ist – zumindest meinem ebenfalls und wahrscheinlich noch erheblich begrenzteren Wissen nach – nach wie vor darauf begrenzt, aus der Vergangenheit zu lernen und nicht aus der Zukunft.

Die NASA hat also mal so richtig hingeschaut und festgestellt, wie die menschlichen Zivilisationen sich in der Vergangenheit so entwickelt haben und daraus Schlüsse gezogen, wie es wohl in der Zukunft weitergehen wird. Daraus hat sich dann ein ziemlich klares Bild ergeben und wenn man alle Faktoren berücksichtigt, kann man, wie es scheint, mit ziemlich großer Sicherheit sagen: Wir sind am Arsch.

Denn selbst, wenn es richtig ist, dass es schwierig ist, die Zukunft vorauszusagen, kann man doch sehr gut menschliches Verhalten voraussagen, vor allem, wenn es um das Verhalten vieler Menschen geht, und erst recht, wenn es um das Verhalten der Menschheit in ihrer Gesamtheit geht.

Wir Menschen treffen schlechte Entscheidungen in Hinblick auf unsere Zukunft und damit meine ich nicht die Tatsache, dass ich bis heute immer noch keinen Bausparvertrag habe, sondern die Gesamtsituation, mit der es allen Grund gibt, unzufrieden zu sein: Trotz aller Bemühungen einzelner Individuen und im Vergleich zur großen Masse nach wie vor verschwindend kleiner Bewegungen, verfehlen wir es höchst zuverlässig, über den Tellerrand zu schauen, uns darüber bewusst zu werden, wie die Auswirkungen unserer Lebensweise auf das große Ganze sind und vor allem die dringend nötigen Anderungen im großen Stil umzusetzen.

Es gibt da eine ziemlich große Ähnlichkeit mit dem Untergang der Titanic. Wer erinnert sich noch an die Verfilmung, in der die Steuermänner verzweifelt versuchen, den Kurs noch zu ändern, ohne zu wissen, dass es bereits zu spät ist und der Zusammenstoß mit dem Eisberg unvermeidbar ist? Und wie später die Kapelle weiterspielt, obwohl das Ende bevor steht, weil musizieren das ist, was ihr Leben ausmacht? Nun, der Vergleich hinkt, aber nur ein bisschen: Eigentlich ist es die Kapelle, die am Ruder steht und sie könnte den Kahn noch retten. Aber stattdessen spielt sie weiter wie immer, weil es das ist, was sie kennt.

Die NASA ist in all ihrer Vernunft und Wissenschaftlichkeit mein neuer Guru, mein neuer Lama, meine neue polnische Aura-Heilerin, an deren Lippen ich hänge. Und ich würde sie liebend gerne dazu verführen, nicht recht zu haben. Doch was braucht es, damit wir den Kurs so vernünftig korrigieren, dass wir die Allervernünftigsten Lügen strafen? Vielleicht Unvernunft? Sag du es mir! Und glaube mir, ich höre wirklich zu, weil ich viel, viel lieber Teil der Lösung sein möchte als Teil des Problems. Bis ich etwas höre, das (un)vernünftig genug ist, dass ich daran glauben kann, spiele ich aber weiter, nicht weil ich gerne untergehe, sondern weil ich die Musik so liebe, denn sie ist das, was ich kenne.

Link zur Studie der Nasa

 

3 Comments

  1. susanne
    28. April 2014

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    Vielen Dank Christian! Das Lesen hat Spaß gemacht und ich überlege krampfhaft, was ich tun kann, um meinen Bausparvertrag nicht gänzlich ad absurdum führen zu müssen ;-)!

  2. Stefanie Glaschke
    28. April 2014

    Leave a Reply

    Hallo,

    let´s talk…. Ja, die Esohysterie treibt schon so ihre Blüten, vor allem weil sie so viel leichter zu verdauen ist als substantielle Spiritualität. Aber in unserem Land darf jeder Wirtschaftszweig Nachfrage wecken und befriedigen. es gibt schließlich auch mehr Fast-Food-Läden als Restaurant, die Nahrungsmittel zubereiten und anbieten. Das besagt aber nicht, dass es auch Weisheit gibt, die wirbt nur so selten mit Neonwerbetafeln. Was mir an der NASA-Studie auffällt:
    Menschheit und Wohlstand werden in einem Satz genannt. Für mich ist Menschheit nicht gleich Wohlstand und Hochkultur nicht gleich Leben. Die Natur entwirft ihren eigenen Rettungsplan, muss der Mensch unbedingt dabei sein? In der Not finden sich normalerweise Auswege, nur Not ist noch nicht im Bewusstsein der meisten Menschen auf der Nordhalbkugel angekommen. Vielleicht finden diejenigen einen neuen Weg, deren Säuglinge verdursten und die ihre Kinder verhungern sehen? Die haben Not und werden sich bewegen. Fragt sich nur, um uns ehemaligen Kolonialstaaten deren Bewegung gefällt. Und wenn wir der Auffassung sind, mit dem Untergang unserer Kultur und mit dem Untergang des Wohlstandes sei die Menschheit am Ende, dann sind wir ignorant gegenüber allen, die als Menschen auf der Erde leben und weder unsere „Hochkultur“ noch unseren Wohlstand genießen.

  3. Christian Z
    2. Mai 2014

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    Hallo Stefanie,
    da stimme ich dir zu. Die Wahrheit ist wahrscheinlich, dass es wahrscheinlich ist, dass jede Kultur genau so wie sie entsteht auch wieder zu Grunde geht. Wahr ist wahrscheinlich auch, dass ein großer Teil der aktuellen Weltbevölkerung nicht von unserem Wohlstand profitiert, sondern darunter leidet. Auch wenn ich mir über viele Dinge Gedanken und Sorgen mache, bin ich ehrlich gesagt in erster Linie einfach nur gespannt, wie die Weltgeschichte weitergeht. Denn es ist eine verdammt spannende Geschichte, was ja bei inzwischen über 7 Milliarden Autoren auch zu erwarten ist.
    Herzliche Grüße, Christian

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