Wer versucht, sich immer alle Türen offen zu halten, wird sein Leben auf dem Flur verbringen!

Mai 5, 2014|Posted in: Artikel, Meistgelesene Artikel|By

Meine Tante hat mal zu mir gesagt: „Wer das eine will, muss das andere mögen“
Und meine Freundin schimpft oft darüber, wenn Leute zu CHERRY PICKERN werden, sich also aus allem immer nur die Rosinen heraus picken.
Warum machen wir das manchmal, und wie können wir mit den „Cherry Pickern“ und „Entscheidungsverweigerern“ zurecht kommen?

Es wird schwierig für uns, sofern wir dabei bleiben, unsere Maßstäbe an Anderen anzulegen, denn Menschen sind nun einmal sehr verschieden.

Es gibt DIESE, die sich leicht damit tun, Entscheidungen oder Zusagen zu treffen, und dann auch umzusetzen, und es gibt JENE, die sich damit sehr schwer tun, und Erstere damit wiederum oft in die Weißglut treiben.

Ich gehöre (meistens) zu der ersten Variante von Menschen, wurde aber lange Zeit mit Kandidaten aus Gruppe Nummer zwei konfrontiert.

Hätte ich nicht so eine gute Friseurin, würde man vermutlich die grauen Haare sehen, die es mich gekostet hat, aber irgendwann hat es aufgehört.

Ich habe mich gegrämt, geärgert, war verletzt, wütend und oft fassungslos, dann habe ich angefangen diese Menschen zu beobachten und bin plötzlich viel gelassener geworden, denn ich habe eine Sache begriffen.

Am Meistens belasten sich Menschen, die sich nicht entscheiden können, selbst.
Mich belasten sie nur, wenn ich mir ihre Schuhe anziehe.

Wenn Ihr Euch die Überschrift noch mal durchlest, wird klar warum.
Menschen die sich nicht bekennen können, die keine Entscheidungen treffen können, die stehen auf dem Flur und sind nicht in den Räumen, in denen das Leben stattfindet.
Sie sind die Zuschauer, die von draußen in die vielen Zimmer schauen, aber sie bleiben eben doch außen vor.
Bei einem Flugzeug würde man sagen, es fliegt im Hold, dreht eine Warteschleife, und noch eine, und noch eine, bis es der mächtige Tower endlich in eine Position befiehlt, damit es zur Landung ansetzen kann. Für die Passagiere sind dann aber oft die Anschlussflüge verloren und es muss umständlich umgebucht werden, oder man muss die Nacht im Flughafenterminal verbringen.

Ziemlich unschöne Situation eigentlich.
Und ich frage Euch, wer muss nun „bemitleidet“ werden? Ihr, die ihr auf die Ankunft des Passagiers gewartet habt, oder diejenigen, die im Transitbereich festsitzen?
Menschen, die sich nicht entscheiden können, selbst wenn die Entscheidung Euch auch betrifft,  handeln in den seltensten Fällen gegen Euch, sondern meistens gegen sich selbst.

Ich war in meinem Leben auch schon in Situationen, in denen ich wie gelähmt war. Ich konnte und wollte nichts entscheiden, hab auch den Kopf mal in den Sand gesteckt, war anderen gegenüber unverbindlich und habe nichts wirklich angepackt, keine Initiative übernommen. Nicht für mich und nicht für andere.
Je länger ich in einer solchen Situation war, desto mehr hat sie mich eingelullt. Kraft und Energie entzogen und mich auf meinem Flur immer mehr isoliert.
Und je länger ich mich an diesem Ort befunden habe, umso schwerer wurde es, tatsächlich eine Klinke in die Hand zu nehmen und durch irgendeine Tür zu gehen.

ABER, wenn ich mich dann endlich dazu durchgerungen hatte doch durch irgendeine Tür zu treten, fühlte ich eine unglaubliche Befreiung, und all meine Kräfte, MEIN Leben kam zurück.

Jeder Mensch kann nur für sich selbst entscheiden wie er leben möchte.
Mittendrin, oder nur von Ferne als Zuschauer!

Ich habe eine Theorie, und Ihr könnt mich gerne wissen lassen, ob Ihr es ähnlich seht, warum Menschen sich manchmal so schwer tun, sich für eine Richtung zu entscheiden.
Ich glaube diese Menschen haben Angst vor dem was kommt, sie haben Angst vor dem was das Leben ist, was Begegnungen mit neuen Situationen und Menschen sind.
Sie wissen das oft gar nicht, aber der Wunsch abzuwarten, ob nicht noch irgendwo eine bessere Gelegenheit, ein besserer Mensch oder ein besserer Job auf sie wartet, impliziert, dass sie sich selbst nicht zutrauen, eine Situation, so wie sie ist zu meistern oder zu genießen.
Oder auch, dass sie gar nicht wissen, wer oder was für sie gut sein könnte.

Das Leben ist meistens nicht das was man langwierig abwägen und planen kann, sondern das Leben findet statt. Davor, dazwischen, daneben.
Wir können also wählen, ob wir erstmal auf Pause drücken, in den Flur zum Planen, Überlegen und Abwägen gehen, oder ob wir einfach mit dem Leben mitgehen, ihm vertrauen, munter Raum um Raum durchschreiten – wie Hesse schon sagte, und uns auf das einstellen was sich uns bietet.

Ich empfehle nicht das Nachdenken sein zu lassen und sich kopflos durch jede Tür zu stürzen, aber macht es im richtigen Maß. Nachdenken und Abwägen sind gut und wichtig, aber loszulaufen letztendlich auch. Sinn macht nur eine gelungene Kombination.
Und jede Entscheidung, auch jede verweigerte Entscheidung ,zieht eine Konsequenz nach sich und hat Begleiterscheinungen.
Wer das Eine will, muss das Andere mögen.

„Wenn ich meinen Job kündige, weil er mich nervt, muss ich akzeptieren, dass ich eventuell die lieb gewonnenen Kollegen nicht mehr sehe.“

„Wenn ich meinen Job, der mich nervt, nicht kündige, weil ich meine Kollegen so gerne mag, muss ich einen Weg finden, um mich zu arrangieren.“

„Wenn ich meine Frau verlasse, weil ich mich in eine Andere verliebt habe, muss ich in Kauf nehmen, meine Frau zu verletzen.“

„Wenn ich meine Frau nicht verlasse, um sie nicht zu verletzten, obwohl ich mich in eine Andere verliebt habe, wird die Andere mich eventuell irgendwann verlassen, oder meine Frau kommt mir auf die Sprünge. Möglicherweise bin ich dann Beide los.“

Ihr seht, egal was man tut, es kommt immer mindestens eine zweite Komponente dazu, mit der man sich auch einverstanden erklären sollte. 

Es bringt also keinen wirklichen Gewinn Entscheidungen zu vertagen, man muss sich mit den Folgen genauso auseinandersetzen, als hätte man aktiv eine Entscheidung getroffen.

Wäre man demnach nicht wirklich mit dem Klammersack gepudert, wenn man nicht selbst aktiv den Weg beeinflussen würde, den man dann zu gehen hat?

Jetzt fragt Ihr Euch aber vielleicht, ob wir nicht von zwei Paar Schuhen reden.
Von denjenigen Menschen, die sich grundsätzlich nicht entscheiden können, und von den Rosinenpickern.

Sicher, die Entscheidungsverweigerer schaden sich auf einer offensichtlicheren Ebene selbst, weil sie soviel grübeln und sich grämen, wohingegen die Anderen wie Fische im Wasser sind, die immer überall durchschlüpfen und von uns nicht gefasst werden können.
Wir laden sie zum Geburtstag ein, aber sie sagen nicht zu, weil sie noch nicht wissen, ob an dem Abend vielleicht Sport oder eine Kneipentour anstehen.
Wir wollen mit ihnen essen gehen, aber in letzter Minute fragen sie, ob es denn sehr schlimm wäre, wenn man das vielleicht um eine Woche verschiebt, denn sie könnten irgendwas anderes Tolles machen.

Ist ja alles kein Beinbruch, macht man auch ein oder zwei Mal, bis man merkt, dass man offensichtlich nicht immer die Rosine in deren Kaiserschmarrn ist. Und dann?
Vielleicht fängt man an sich zu ärgern und ist von Verhalten des Rosinenpickers verletzt, aber Hand auf’s Herz, das macht keinen Sinn.
Verletzte Eitelkeit hat noch aus niemanden eine Rosine gemacht, grenzenloses Verständnis allerdings auch nicht.
Man sollte einfach anfangen die „Cherry Picker“ mit anderen Augen zu sehen. Manchmal ist das schon die schlimmste Konsequenz für unsere schlüpfrigen kleinen Fische, dass man sich ihnen gegenüber anders positioniert. Was daraus erwächst ist nicht abzusehen.
Wir sollten sie in unserem Leben auf den Flur bringen, denn die tollen Plätze am Esstisch, im Wohnzimmer oder vielleicht sogar im Schlafzimmer, sind den Menschen vorbehalten, für die wir die Rosinen sind, und die das auch für uns sind.

Menschliche Beziehungen fußen auf verschiedene Kriterien. Einige davon können – je nach Art der Beziehung – Beständigkeit, Zuverlässlichkeit und Wertschätzung sein.

Wenn ihr etwas erwartet, was ihr nicht bekommt, dann nehmt den Fokus von der Person, und entlasst die Person aus der Verantwortung Eure Bedürfnisse zu befriedigen, für die sie ohnehin nicht zuständig ist!
Jetzt erst kann sich zeigen was passt und was nicht passt.
Denn „was nicht passt wird passend gemacht“ ist bei zwischenmenschlichen Beziehungen ein sehr fragwürdiger Ansatz.
Bleibt er oder sie ein „Cherry Picker“ wenn es um Euch geht, oder entsteht plötzlich mehr Verbindlichkeit?
Beides wäre ok, denn wir können immer nur annehmen, was uns entgegen gebracht wird.
Einfordern oder gar einen Menschen ändern, diese Macht haben wir nicht und es steht uns auch nicht zu, wenn wir nach der Maxime leben, dass wir anderen Menschen die größtmögliche Freiheit zubilligen.

Wir können nur nach uns schauen, und für uns lernen, was wir mögen, was wir nicht mögen, wo wir Konsequenzen ziehen, und wo wir nachgiebig bleiben.
In jedem Fall müssen wir lernen, uns nicht nach Entscheidungen zu sehnen, die andere Menschen treffen sollen.
Das zermürbt uns nur und zerstört unsere Beziehungen.

Jeder möge sein Leben leben wie er kann und mag, aber wählt mit Bedacht aus, wen ihr in welche Bereiche vorlasst.

In diesem Sinne, seid die Rosine in eines Anderen Leben und findet selbst auch die Rosinen, die gut zu Euch passen.

Dieser Artikel ist auch im Blog meiner Coachingpraxis www.talkabout-coaching.de erschienen.

5 Comments

  1. Thorsten
    5. Mai 2014

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    Ein Paradoxon. Du bist zwar frei in deinen Entscheidungen, aber nicht vor deren Konsequenzen. Und damit kannst du schon nicht mehr frei entscheiden.

    • susanne
      5. Mai 2014

      Ja, so sieht es aus. Wobei uns das zu einer schwer philosophischen Frage führt, nämlich wann man als Mensch tatsächlich wirklich frei ist…
      Aber zurück zum Entscheiden: ich glaube ja, dass die Akzeptanz dieses Paradoxons uns frei macht überhaupt Entscheidungen zu treffen. Nur wenn wir uns bewusst machen, dass eine Konsequenz ohnehin unausweichlich ist, können wir aufhören Entscheidungen aufzuschieben – oder ;-)?
      Sonst würde es ja Sinn machen, Dinge aufzuschieben.
      Gruß an den See lieber Thorsten! Genieß die Sonne!!!

  2. Thorsten
    5. Mai 2014

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    Habe mich heute entschieden, die Sonne bei der Gartenarbeit zu genießen. Jede Menge Unkraut und auch einige Schnecken mussten die Konsequenzen dieser Entscheidung tragen.

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