Das Leben planen und Ratschläge erteilen. Hot or not?

Mai 13, 2014|Posted in: Artikel|By

13.05.2014 / 11:30 Uhr / SMS von Tine an mich:
Wie weit versuchst Du Dein Leben zu planen? Was macht aus Deiner persönlichen Erfahrung heraus Sinn, in Anbetracht der Tatsache, dass es natürlich für Nichts eine Garantie geben kann?!

11:31 Uhr / SMS von mir an Tine:
Wie kommst Du da jetzt drauf? Willst Du dazu meine Meinung?

11:32 Uhr / SMS von Tine an mich:
Ja eine „einfache“ Frage.
Smiley
Ich denke darüber nach und all diese unsinnigen Ratschläge und Ansätze können keine Antwort bieten.
Da macht DEIN Bauchladen schon mehr her.

11:38 Uhr / SMS von mir an Tine:
Das ganze Display ist voll tränenlachender Smileys

11:45 Uhr / SMS von Tine an mich:
Natürlich muss man die Dinge für sich selbst entscheiden und kein Mensch kann einem diesen Kraftakt abnehmen, aber von Muttis Erfahrung kann man ja lernen.
Oder es zumindest versuchen.

11:47 Uhr / SMS von mir an Tine:
Das sind jetzt aber zwei Fragen!
Die Erste, ob es Sinn macht, das Leben zu planen oder ob es einfach passiert, und die Zweite, ob es Sinn macht auf die Erfahrung von anderen Menschen zu hören oder ob man Erfahrungen immer zwangsläufig selbst machen muss.

11:48 Uhr / SMS von Tine an mich:
Ja, die erste ist die „allgemeinere“ Frage, die Zweite mehr fallbezogen und damit weniger objektiv.

11:49 Uhr / SMS von mir an Tine:
Aha, Aha… Ich denke noch nach!

Ich denke also nach, und als erstes fällt mir eine Liedzeile aus der Dreigroschenoper ein:

Das Lied von der Unzulänglichkeit 
Ja; mach nur einen Plan – sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch´nen zweiten Plan – gehn tun sie beide nicht.
Bertolt Brecht (Dreigroschenoper)

Wie könnte eine passende Antwort für Tine lauten, und vorallem wie gehören die zwei Fragen zusammen, oder vielmehr wie kann man sie vielleicht in einen Zusammenhang bringen?
Das Leben planen und auf Ratschläge hören…
Aber fangen wir von vorne an:

Macht es Sinn das Leben zu planen, wenn es doch für Nichts eine Garantie gibt?

Ich glaube es erleichtert uns das Leben ungemein, wenn wir es ein bisschen planen dürfen, aber es erleichtert uns das Leben noch mehr, wenn wir im Hinterkopf immer das Wissen haben, dass unsere Planungen nur solange funktionieren, wie das Leben sich zurückhält und uns nicht dazwischen fährt.

Der Mensch fühlt sich wohler, wenn er weiß, wo er steht, wohin er gehen will, was als Nächstes kommt. Menschen brauchen das meiner Ansicht nach. Wir haben ein unglaublich großes Bedürfnis danach, die Dirigenten unseres Stückes zu sein. Wir unterscheiden uns einzig in der Größe und der Art des zu dirigierenden Orchesters. Der Eine will die Macht über 200 Musiker und hat die Erwartungshaltung, ein Meisterwerk abzuliefern, bei dem kein noch so geschultes Ohr einen Missklang hören könnte.
Anderen reicht es aus, einem kleineren weniger ambitionierten Orchester vorzustehen, und sie empfinden es auch nicht als Weltuntergang, wenn die erste Geige mal den Einsatz verpasst.

Gemeinsam ist uns Allen, dass es uns in letzter Konsequenz unmöglich ist, die Zügel komplett aus der Hand zu geben.
Warum?
Weil uns Kontrolle, Ordnung und Planung eine gewisse Sicherheit geben. Und Sicherheit brauchen wir im Leben, um uns entspannen zu können.
Ohne Sicherheit sind wir getrieben und ruhelos.
Die Maßstäbe, wieviel Sicherheit ein einzelner Mensch braucht, oder umgekehrt wieviel Kontrolle und Planung, sind sehr individuell und lassen sich nicht verallgemeinern.

Wann fängt aber nun das Dilemma an, oder gibt es überhaupt ein Dilemma?

Für manche Menschen schon!

Das Dilemma fängt da an, wo das Leben unsere Planung über den Haufen wirft, wo die Garantie für das Geplante erlischt.
Wenn sich Dinge plötzlich auflösen oder uns zu entgleiten drohen, wenn Chaos ausbricht, wenn Veränderung droht, ist das Dilemma schon ganz kurz davor an unsere Tür zu klopfen. Oft zusammen mit denen, die sagen: „Das habe ich Dir doch gleich gesagt!“

Ob wir die Beiden reinlassen, das liegt allerdings in unserer Hand! Und das ist die gute Nachricht!

Jeder möge planen, sich Sicherheiten schaffen, abwägen, beurteilen, festlegen und regulieren soviel er oder sie kann, solange damit die Freiheit Anderer nicht eingeschränkt wird und vorallem in dem Ausmaße wie man es braucht, um sich in seinem persönlichen Leben und mit seinen persönlichen Umständen sicher zu fühlen!
Aber Jeder sollte auch jederzeit das Rüstzeug haben, um sich zu wappnen, falls alle Pläne wie ein Kartenhaus einstürzen und man Ideen, Zukunftspläne oder Menschen plötzlich aufgeben muss – manchmal von JETZT auf GLEICH und ohne jegliche Vorwarnung!

Wie kann man gewappnet sein?

Zum Einen sollte man sich dieses Zustandes bewusst sein und sich klar machen, dass der Wind manchmal dreht und man die Segel neu setzen muss. Zum Anderen in dem man sich seiner Selbst bewusst ist und ein Grundvertrauen in sich (und die Dinge an die man persönlich glaubt) entwickelt. Man muss im Laufe seines Lebens lernen sich selbst zu vertrauen, und somit das persönliche Höchstmaß an Gelassenheit zu entwickeln.

Gelassener zu werden, bedeutet nämlich vorallem, sich zuzutrauen – ohne DILEMMA und HAB ICH DIR DOCH GLEICH GESAGT – eine plötzliche, neue und vielleicht verwirrende Situation zu meistern.

Gelassenheit ist der Schlüssel.
Plant Euer Leben, Eure Wünsche und Ziele mit viel Herzblut, Enthusiasmus und Energie, aber geht einen weisen Pakt mit der Gelassenheit ein, denn nur mit ihr an der Seite wird die Planung des Lebens nicht zur Sisyphusarbeit, sondern zu einem reinen Hilfsmittel ein glückliches und zufriedenes Leben führen zu können.

Wie kommen wir jetzt aber zu Tine‘s zweiter Frage – nämlich ob man von den Erfahrungen Anderer profitieren kann?

Ich habe weiter oben das Bild des Dirigenten verwendet. Der Mensch ist der Dirigent, die Musiker und Instrumente sind die Episoden, Momente oder Erfahrungen des individuellen Lebens, und das Musikstück, das dabei herauskommt, das ist sozusagen das Kunstwerk „mein Leben“.
Ich habe das Bild oben schon so weit differenziert, dass ich geschrieben habe, dass der eine Dirigent den Wunsch hat 200 Musiker zu koordinieren und ein vollkommen reines, klares und perfektes Musikstück abzuliefern, wohingegen ein anderer Dirigent lieber eine kleine Gruppe von Hobbymusikern dirigieren möchte und vielleicht auch selbst kein absolutes Gehör hat, ihm somit der ein oder andere schiefe Ton nicht auffällt.

Holt Euch das Bild noch einmal direkt vor Augen, und jetzt überlegt, was es für einen Sinn haben könnte, wenn der Dirigent der „200 Mann Kapelle“ dem Dirigenten der „10 Mann Hobby Kapelle“ einen Ratschlag zur Interpretation des Stückes gibt.

Ich glaube KEINEN.

Oder Anders:
Der Dirigent einer Bundeswehr Marsch- & Blaskapelle erklärt dem Dirigenten eines klassischen Streichquartetts, wie man das Gefühl im zweiten Satz besser zur Geltung bringen könnte.

Auch das wird nicht zielführend sein!

Selbst wenn sich mal zwei Dirigenten von zwei Schulchören miteinander besprechen, und der Eine dem Anderen einen Rat geben würde, so wird der Andere diesen Rat nie Ein zu Eins umsetzen können, denn in seinem Chor singen 20 andere Stimmen.

Ratschläge sind was Feines, genau wie Pläne.
Es gehört zu unserer Natur, sie erteilen zu wollen, und darüber nachzudenken, sie anzunehmen.
Manchmal kann es auch tatsächlich sein, dass die Prognose, die zu einem Ratschlag gehört, eintritt, aber manchmal eben auch nicht.
Wenn ihr gerne Ratschläge annehmt, dann macht das. Nichts ist falsch daran!
Wenn ihr nicht auf die Ratschläge Anderer vertrauen wollt, ist das ebenfalls völlig in Ordnung, dann probiert die Dinge selbst aus.

Wer aber gerne Ratschläge erteilt, der sollte eine ausgeprägte Sensibilität dafür entwickeln, wer den eigenen Ratschlag überhaupt hören will!
Jemandem ungefragt seine Meinung aufzudrücken, weil man glaubt zu wissen was richtig oder falsch sei, ist in den meisten Fällen vermessen, denn vielleicht seid ihr Ratgeberfreunde ja die Dirigenten eines Flötentrios und Euch gegenüber steht der Dirigent einer Jazzband!

Lasst uns also üben, nur gefragt einen Ratschlag zu erteilen und lasst uns aufhören den Menschen um uns herum reinzureden und so zu Besserwissern zu werden!

Achja, und ich meine NICHT: „Vorsicht, nimm die Hand da weg, das ist heiss…“

 

 

4 Comments

Hinterlasse einen Kommentar


*