Alexanderplatz – Eine Stahlnadel als Prestigeobjekt

Mai 20, 2014|Posted in: KURZ gesagt!|By

Alles war von langer Hand geplant: erst das historische Zentrum von alter Bausubstanz befreien, dann breite Alleen für kommunistische Aufmärsche planieren.

Mitten in der Mitte von Berlin will die Staatsführung ein Stadtzentrum schaffen, welches die Herrlichkeit des Sozialismus symbolisieren soll.

Direkt am Alexanderplatz ist Ende 1959 ein riesiges Regierungs-Hochhaus geplant, im damals populären „Zuckerbäckerstil“ – doch von einem Tag auf den anderen schmeißt Walter Ulbricht alles über den Haufen.

Der Staatschef hat noch ordentlich Wut im Bauch: In den Müggelbergen von Ostberlin sind Millionen in den Sand gesetzt – für einen Sendeturm, der das DDR-Fernsehen endlich landesweit in die Wohnzimmer der Deutschen bringen sollte. Aber die halbfertige Sendeanlage steht mitten in der Einflugschneise des Schönefelder Flughafens.

Walter Ulbricht greift persönlich in die Planung ein: „Nu, Genossen“ sagt der Despot, als er vor dem Modell von Berlin steht, „da sieht man’s ganz genau: Da gehört er hin!“

Was der Staatschef anordnet, ist Gesetz. Der Fernsehturm kommt auf den Alexanderplatz.

Das Architektenteam um Günter Franke erhält klare Vorgaben: schnell soll es gehen und einzigartig sein, denn pünktlich zum 20. Jahrestag seiner Republik will Ulbricht von oben auf sein Volk herunterschauen. Doch in der sogenannten „Mangelwirtschaft“ herrscht ein Materialproblem. „In der DDR wurde fast nur mit Fertigteilen gebaut“, sagt Franke, „Wir aber planten das wohl individuellste Bauwerk, das zu diesem Zeitpunkt denkbar war.“

Die Regierung erkennt das Problem und reagiert: Geld spielt ab sofort keine Rolle mehr.

Ein nur fünf Meter tiefes Fundament trägt einen hohlen Schaft aus Beton, oben drauf setzen die Architekten die Kugel, ein Hochhaus auf zweihundert Metern. Den weithin sichtbar glänzenden Edelstahl importieren sie vom Klassenfeind aus Westdeutschland, die Aufzüge und Lüftungsanlagen aus Schweden. Am Ende wird das Prestigeobjekt drei Mal so teuer wie geplant – über hundert Millionen Ost-Mark stehen zu Buche.

Seine Familie sieht Chefplaner Franke während der vierjährigen Bauzeit kaum noch. „Wenn ich abends nach Haus kam, sagte mein Sohn: Ich werde nicht Ingenieur, sondern Bauarbeiter. Dann muss ich nicht so viel malochen und verdiene mehr als du!“

Franke weiß, er baut ein Symbol für Gesamtberlin. Selbst zur feierlichen Eröffnung am 3. Oktober 1969 fällt niemanden auf, daß die Ein- und Ausgänge in der Kugel nach Westberlin ausgerichtet sind. Das freut Franke bis heute: „Das erste, was man sah, wenn man das angebliche Symbol des Sozialismus betrat, war der Klassenfeind genau gegenüber.“

Die Höhe des Turmes legt Staatschef Walter Ulbricht damals höchstpersönlich fest. Seine Idee: anhand des Fernsehturms soll sich jedes Kind die Anzahl der Tage eines Jahres merken können.

Genau 365 Meter mißt Deutschlands höchstes Bauwerk.

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