Niklas, der kleine Zipfelfrosch

Juni 17, 2014|Posted in: Artikel|By

Ich muss ungefähr 25 gewesen sein als ich, gemeinsam mit meiner Freundin Sabine auf die Idee kam, ein Kinderbuch zu schreiben. „Niklas der kleine Zipfelfrosch“ sollte es heißen. Und wer unter der Tiergattung „Zipfelfrosch“ irgendwelche sexuellen Geheimbotschaften vermutet, der irrt gewaltig. Denn ein Zipfelfrosch, das ist ein Frosch mit einer angeborenen roten Zipfelmütze auf dem kleinen Froschkopf. 

Und unser noch sehr kleine Zipfelfrosch Niklas lebte an einem idyllischen Waldsee. Eigentlich konnte er mit seinem jungen Leben recht zufrieden sein: er hatte Eltern, die ihn liebten und mit denen er gut klar kam, unzählige Geschwister, die ihm zwar manchmal, aber eben nur manchmal, auf die Nerven gingen und er liebte es, sich mit den menschlichen Besuchern zu unterhalten. Dann saß er stundenlang auf einem Stein am See und erzählte von seinen spannenden Abenteuern mit Libellen, Fliegen und anderen Seebewohnern. Eines Abends aber fing er an sich darüber zu wundern, dass ihm noch nie ein Mensch geantwortet oder noch einmal nachgefragt hatte, auch applaudiert hatte ihm noch keiner, obwohl er ein großartiger Geschichtenerzähler war. Warum bloß? Waren alle Menschen taub? Nein, das konnte nicht sein. Er nahm sich gleich für den nächsten Morgen vor, die Menschen besser zu beobachten und zu lauschen, ob sie sich denn über ihn, den kleinen Zipfelfrosch, unterhielten. Gesagt, getan: Am nächsten Morgen saß er wieder auf seinem gewohnten Stein und wartete bis die ersten Menschen – große, kleine, alte und junge – kamen. Im Gegensatz zu sonst war es selber ganz still und hörte stattdessen ihren Gesprächen zu – zumindest versuchte er das. Er verstand nämlich kein einziges Wort. Was war das nur für ein komisches Gebrummel, das die Menschen da von sich gaben? Wer sollte das denn verstehen können – er, der kleine Zipfelfrosch jedenfalls nicht. Warum war ihm das vorher nie aufgefallen? Ganz aufgeregt hüpfte er zu seiner Mutter und erzählte ihr von seiner Erkenntnis. Zur gleichen Zeit lehnte sich gerade ein kleines Mädchen zu seiner Mutter und fragte sie warum die Frösche denn nur quakten und sonst gar nichts von sich gaben, so könnte sie ja kein Mensch verstehen.

So oder so ähnlich sollte die Geschichte von Niklas beginnen. Und ehrlich gesagt fühle ich mich auch manchmal wie ein kleiner Zipfelfrosch. Nicht, dass ich gern eine Zipfelmütze oder unzählige Geschwister hätte, ganz gewiss nicht, aber manchmal, habe auch ich das Gefühl, dass mich keiner versteht. Dass ich auf meinem Stein sitze und Geschichten erzähle und alles, was bei den anderen ankommt ist „quak, quak“ oder vielleicht noch „quaaak“. Was ich sagen will ist: „Kommunikation ist gar nicht so einfach“! Wir alle kommunizieren und nach Paul Watzlawik geht das auch gar nicht anders, aber können wir es wirklich?

Mir persönlich ist es schon oft so ergangen, dass ich jemanden – so dachte ich zumindest – völlig klar und leicht verständlich gesagt habe, er möge dies oder jenes tun und er oder sie tat es einfach nicht. Und das noch nicht einmal, weil da jemand nicht nach meiner Pfeife tanzen wollte – das würde ich gut verstehen. Nein, meine Botschaft ist einfach nicht angekommen! Ist Euch das auch schon mal so ergangen? Ihr sagt: „Schau mal der Müll quillt über“ und erwartet selbstverständlich, dass Euer Partner ihn zur Tonne bringt, aber Euer Partner überhört dies einfach. Das nächste Mal stellt Ihr den Müll direkt neben die Tür, damit der Angesprochene quasi darüber fällt, ihn gar nicht übersehen kann. Aber wenn Ihr am Abend nach  Hause kommt, steht der Müll immer noch neben der Tür und Euer Partner liegt seelenruhig auf der Couch. Ist jetzt übrigens kein versteckter Vorwurf an meinen Mann:-) „Was ist da los“, habe ich mich gefragt, wie können Menschen so aneinander vorbeikommunizieren?

Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass erfolgreiche Kommunikation tatsächlich die Ausnahme ist und bei manchen Menschen als Glücksfall gefeiert werden müsste.

Kommunikation will gelernt sein – einfach so drauf los quatschen oder quaken führt eben nicht ans Ziel. Kommunikation heißt, sich auf das Gegenüber einlassen, ihm zuhören, sich ihm in seiner Welt annähren. Richtig gelesen, in seiner Welt; nicht in meiner Welt. Im Grunde genommen sind wir nämlich alle kleine Pippi Langstrumpfs, wir machen uns die Welt – widiwidiwitt – wie sie uns gefällt.

Wir leben alle in einer eigenen Welt, die wir aufgrund unserer Erfahrungen und unserer eigenen Ideen und Überzeugungen erschaffen und stetig verändern und anpassen. In meiner Welt gibt es z.B. riesige unerschütterliche Berge, die für meine Freunde stehen, Abgründe, über die ich Brücken bauen konnte und andere, die ich umlaufen musste; außerdem gibt es dort Bäume, die, wenn auch nicht fest verwurzelt dennoch gesund und munter leben. So erschaffen wir uns also alle unsere eigene Welt und vergessen dabei leider allzu oft, dass unsere Welt eben nicht der Welt unseres Gegenübers entspricht und er auch nicht automatisch unsere Sprache spricht.

Wo ich das Vogelgezwitscher höre, sieht jemand anderes furchteinflößende fliegende Tiere, die Bakterien übertragen – wo ich entspannt auf einer Bank die Ruhe genieße, fühlt sich jemand anderes mutterseelenallein und einsam.

Wir erleben niemals den gleichen Moment, den ein Freund neben uns erlebt, wir können uns nur gegenseitig an unseren Momenten teilhaben lassen. Uns gegen-seitig unsere Welten zeigen und erläutern, unsere Welt von anderen entdecken lassen, Besuch wirklich zulassen. Und je mehr wir die Welt unseres Gegenübers verstehen, desto besser und erfolgreicher können wir auch miteinander kommunizieren. Denn plötzlich fange ich an, in der Sprache meines Gegenübers zu sprechen, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Plötzlich verstehe ich, dass mein Partner besser hört als sieht und mit dem Müll neben der Tür einfach nichts anfangen kann. Im Zweifel hat er sich gewundert, warum Ihr den Müll ausgerechnet so in der Wohnung platziert, dass er alles voll stinkt. Ein „hör mal, bringst Du nachher  bitte den Müll runter“ wäre hier sinnvoller gewesen, aber eben nicht immer und nicht bei jedem Gesprächspartner.

Die  Erkundung der verschiedenen Welten ist wirklich spannend und kann bei einer gemeinsamen Flasche Wein zu unverhofften und tiefschürfenden Gesprächen führen. Machen wir es doch wie Humboldt oder Polo: Bleiben wir neugierig, nehmen uns die Zeit und vermessen und erkunden die Welten unserer Mitmenschen – ich bin mir sicher, dass wir dabei nicht nur ganz viel Spaß haben, sondern auch ganz viel über einander lernen werden. Und je konkreter wir unsere Welt beschreiben und je besser wir die des anderen verstehen, desto einfacher und erfolgreicher können wir auch miteinander kommunizieren. Das erspart uns und unserem Gegenüber allerlei Missverständnisse, die sonst erst mühsam wieder aus der Welt geschafft werden müssten. Also, wann brechen wir zu neuen Welten auf?

Zitat Paul Watzlawick: „Man kann nicht nicht kommunizieren!“

6 Comments

  1. Fee
    17. Juni 2014

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    Super geschrieben!

  2. Barbara
    22. Juni 2014

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    Danke sehr für die Geschichte!! Und das Bild dazu ist soooo herzig!!

  3. Astrid
    22. Juni 2014

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    Ich danke Dir fürs Lesen! Einen schönen Sonntag Abend!

  4. Cäcilie Zabolitzki
    25. Juni 2014

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    Liebe Astrid,

    vielen Dank für diesen wunderschönen Artikel. Es ist immer wieder herrlich Deine Beiträge zu lesen.

    Herzliche Grüße
    Cäcilie Zabolitzki

  5. Michael
    16. Juli 2014

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    Hi Astrid,
    ich habe an vielen Stellen geschmunzelt und genickt…
    Ein echt gelungener Artikel!

    LG
    Michael

    PS: Gruß an Deinen „Göttergatten“… 😉

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