Mitleid? Nicht von mir!

Juli 8, 2014|Posted in: Artikel|By

Es ist schon einige Zeit her, dass ich gemeinsam mit einer katholischen Ordensschwester und mit Tee, Suppe und belegten Broten bewaffnet durch Frankfurt fuhr, um Obdachlosen und Drogenabhängigen Essen und menschliche Wärme zu bringen.
Was sie nötiger hatten? Ich glaube, die Menschlichkeit! Ein paar nette Worte, ein ganz normales Gespräch, ein offenes Ohr für ihre Sorgen, dass war häufig ungleich wichtiger als jedes Essen. Wir Menschen neigen nämlich dazu wegzuschauen, wenn uns etwas schlecht fühlen lässt – wenn wir Armut, Dreck und Gestank nicht wahrhaben wollen, wenn etwas nicht in unsere saubere Welt passt, dann schauen wir eben weg. Dabei wäre manchmal ein liebevolles Lächeln schon mehr als genug – sich die Menschlichkeit bewahren ist etwas, was ich mir vorgenommen habe! Nicht abstumpfen, nicht denken „Hauptsache mir und meinen Lieben geht es gut“, sondern die Augen offen halten und mitfühlen.

Mitfühlen ja, aber Mitleiden? Auf keinen Fall! Wo ist der Unterschied? Diesen kleinen aber feinen Unterschied habe ich damals am eigenen Leib erfahren: Nach ca. einem Jahr gab ich meine Arbeit bei der Schwester auf! Nicht, weil es keinen Bedarf mehr gegeben hätte, nicht weil ich keine Notwendigkeit mehr gesehen hätte und auch nicht, weil ich nicht mehr helfen wollte, sondern schlicht und einfach, weil ich Mitleid mit Mitgefühl verwechselt hatte. Ich konnte nicht mehr! Ich hatte nach diesen Abenden ein schlechtes Gewissen wieder nach Hause zu fahren, in eine Wohnung, die im Winter geheizt war, einen meist vollen Kühlschrank und fließend warmes Wasser hatte. Ich besaß sogar eine Badewanne, konnte sie aber leider nicht mehr genießen – ständig dachte ich bei mir, dass es Menschen gibt, denen es nicht so gut geht wie mir, die aus welchen Gründen auch immer, auf der Straße, in einem Wohnheim oder Drogenzelt – das gab es damals im Ostpark – lebten.  Also gab ich irgendwann auf, ich musste mich entscheiden, ob ich mein Ehrenamt oder mein bisheriges Leben aufgebe, ich entschied mich für das Ehrenamt.

Heute weiß ich, dass ich damals einen entscheidenden Fehler gemacht habe, der, so meine ich, relativ verbreitet ist: Ich habe Mitgefühl mit Mitleid verwechselt. Das klingt so harmlos, ist es aber nicht.  Denn, wer mit leidet, der hört auf, dem anderen eine Hilfe zu sein, der hört auf nach Lösungen zu suchen, den anderen zu unterstützen. Der ist irgendwann so sehr mit seinem eigenen Leid beschäftigt, dass der Andere völlig aus dem Fokus gerät. Wer aber mitfühlt, der versteht den anderen, seine Situation, seine Misere und ist in der Lage nach Lösungen zu suchen, bleibt mit seiner Aufmerksamkeit beim Anderen und ist so letztlich überhaupt nur in der Lage, dem anderen auch Hilfe zu sein. Wer mit leidet, der betrügt den anderen um seine Hilfe!

Im Grunde genommen verhält sich ein Mitleidener wie jemand, der den im Wasser treibenden und durch die Haie in Schockstarre versetzen Überbordgegangenen hinterher springt, statt ihm den Rettungsreifen zuzuwerfen. Nun treiben sie gemeinsam im Meer, können gemeinsam jammern und gemeinsam hoffen – geholfen ist damit aber höchstens den Haien, die sich über noch mehr Leckereien freuen. Wer aber mit fühlt, der versteht zwar die Situation des anderen, bleibt aber in der Lage klar zu denken und wirft dem Ertrinkenden selbstverständlich Hilfe zu.

Und genau das habe ich damals gelernt. Wäre ich ein wenig früher auf diese Idee gekommen, hätte ich Beides tun können: den Bedürftigen helfen und mein eigenes Leben genießen. So musste ich mich entscheiden.

Tja und dann gibt es auch noch die anfangs erwähnten Wegschauer. Die, die das Elend, den Dreck, die Armut nicht sehen wollen, einfach wegschauen und so tun als ob sie das nichts angehe. Ich kann diese Menschen sehr gut verstehen, denn auch sie verwechseln Mitleid mit Mitgefühl – sie glauben, auch sie müssten sich schlecht fühlen, müssten das Elend der anderen annehmen, wenn sie hinschauen. Aber das ist ein Trugschluss: wir können unser gutes Gefühlt behalten und trotzdem hinschauen und helfen, wir können es verstehen, ohne dass wir selbst auf der Straße leben. Also warum das nächste Mal nicht einfach hinschauen und ein freundliches Lächeln oder Wort schenken und wenn wir dann noch einen Kaffee anbieten, wird die Welt gleich deutlich wärmer.

2 Comments

  1. Heike K.
    12. Juli 2014

    Leave a Reply

    Liebe Astrid 😉
    ich habe soeben in der Autorengruppe von FB deinen Link gesehen, der mich hier her geführt hat. Dies erst einmal zur Einführung, wie ich zu deiner Seite gefunden habe 😉

    Deine Erzählung dort oben hast du ganz toll geschrieben und mit wahren Worten des „Pudels Kern“ getroffen. Genau so ist es und ich konnte es sehr gut nachempfinden, was du es selbst erlebt hast. Ähnliches habe ich auch erlebt, allerdings in Bezug auf meinen Sohn, der eine Behinderung hat. Da schaut es genau so aus………mit dem falschen Mitleid.

    Zum Erzähl- Stil bleibt mir dann jetzt noch eines zu schreiben……. ich finde die Art und Form, wie du schreibst, sehr fesselnd und ich werde mir nun gerne den Link zu deiner Seite hier in meinen Lesezeichen abspeichern und komme bald wieder, um noch ein wenig auf deiner Seite zu stöbern, sobald ich die Zeit finde

    Lasse dir nun liebe Grüße hier und den Wunsch für ein tolles Wochenende und sag Dankeschön fürs lesen lassen
    Heike

  2. Astrid
    12. Juli 2014

    Leave a Reply

    Liebe Heike,

    ich danke Dir sehr für Deinen Kommentar und das Lob! Es freut mich immer sehr zu hören, dass andere Menschen ähnliches erlebt haben und denken – das verbindet! Keine ganz einfache Erfahrung, oder? Aber eine, die mir in meinem Leben sehr weiter geholfen hat, vielleicht geht es Dir ja ähnlich.

    Ich wünsche Dir alles Gute und freue mich, wenn Du hier ein bisschen weiter stöberst – lass mich wissen wie es Dir gefällt!

    Auch Dir ein tolles Wochenende,
    Astrid

Hinterlasse einen Kommentar


*