In loving memory of when I gave a shit – Vergesst #gauchogate!

Juli 17, 2014|Posted in: Artikel|By

Drei Tage ist es her, das Ereignis, das unser Land (mal wieder) spaltete. Seit ca. 48 Stunden hat der Skandal auch einen Namen:
#gauchogate geschah erst und wurde dann geboren.

Was war passiert? Wer hatte dieses Mal die Grenzen des deutschen Feuilletons überschritten, wer hatte die selbsternannten Wächter der political correctness mit einem Paukenschlag auf den Plan gerufen?

Die Fußballer waren es.
Ja genau die, die noch Stunden zuvor von jedem Mann und seinem Hund in den Himmel gelobt worden sind. Die Ballkünstler und Zauberer, das Team, die Indentifikationsmodelle und Werbeikonen, die Millionäre und Spielerfrauenanhängsel – kurz die, die eine ideale Projektionsfläche sind, um alles was uns so einfällt, in sie hinein zu projizieren!

Die FAZ, die TAZ und SPON waren die Ersten, die die Seiten wechselten.
Genug der Heldenverehrung, denn darüber war bereits jedes Wort geschrieben – ein unerträglicher Zustand für einen Schreiberling!

Man musste nicht lange suchen, denn noch auf der Fanmeile lieferten die Jungs der schreibenden Zunft einen Elfmeter, den man dachte hervorragend verwandeln zu können!

Sie freuten sich über ihren Sieg.
Sie freuten sich, dass sie einer anderen Mannschaft überlegen waren.
Und schlussendlich machten sich sogar über die Verlierer lustig!
Sie verwandelten einen üblichen Fangesang in ihr persönliches #gauchogate.

Und los ging es, die Redaktionstelefone glühten, und man versuchte einen handfesten Skandal draus zusammen zu basteln.
Mit allen Mitteln, auch denen des schlechten Geschmacks, gab man Vollgas, denn die rechte Ecke wurde gleich mit ins kollektive Bewusstsein geschrieben. In manchen Artikeln eher subtil, in anderen sehr explizit!

Es hätte so schön werden können, wenn der Wind sich nicht gedreht hätte.
Im Social Media gab es einen riesen Aufschrei, denn wenige waren bereit sich mal wieder den Spaß kaputt schreiben zu lassen.
Es formierte sich sowas wie digitaler Widerstand, der dafür sorgte, dass die meisten der Kritiker über Nacht ihr Fähnchen in den Wind hielten und plötzlich in einem ganz anderen Tenor über GAUCHOGATE berichteten.

Ein schöner Nebeneffekt, dass die Medien uns dadurch einmal mehr vor Augen führten, wie wenig unabhängig sie sind, denn sie schreiben das, was gelesen werden will.
Sie machen mal einen Vorstoß, um eine Meinung zu platzieren, aber wenn das nicht so rund läuft, zieht man auch schnell wieder zurück.
Frei nach dem Motto: „Was interessiert mich mein dummes Geschreibe von vorgestern!“

Aber, warum glaubten sie denn eigentlich, dass man aus diesem Gauchotanz irgendwas Spektakuläres, das Verkaufszahlen in die Höhe schnellen lässt, hätte herausholen können?

Weil sie uns an unserem verletzlichsten Punkt getroffen haben.
An unserem verletzlichsten Punkt als Deutsche, denn wir dürfen uns nie wieder, weder im Sport, noch im Spaß, über andere lustig machen, als auch an unserem individuell sehr verletzlichen Punkt:

Wie stolz darf ich auf mich sein, wie sehr darf ich mich freuen, wenn ich einem anderen überlegen bin, wie ausgelassen darf ich mich über meine eigene Leistung freuen?

Am besten doch gar nicht, oder?
Aus Angst, dass wir uns alle total egoman aufführen und unsere Gesellschaft in den Ruin treiben, haben wir das normale Maß zu Ehrgeiz, Wettbewerb, Erfolg und Triumpf verloren.

Wenn wir uns nicht mal mehr im Sport aus tiefstem Inneren freuen können, wenn wir einen Gegner geschlagen haben, was macht das dann noch für einen Sinn.
Der sportliche Wettkampf lebt davon, dass man sich misst, bis an die Grenzen geht, und am Ende einer der Gewinner und einer der Verlierer ist.
Und ja, ich finde es ok, wenn man den Gegner foppt, herausfordert und sich hinterher auch mal über ihn lustig macht.

Warum? Weil ich glaube, dass es eine Illusion ist, dass der Mensch immer nur gut ist.
Wir haben gut und böse in uns, genauso wie fröhlich und traurig, männlich und weiblich und noch ganz viele andere gegensätzliche Zustände.
Es wird nicht funktionieren wenn wir uns jeweils nur nach einem Pol ausrichten, und die andere Seite völlig unterdrücken und missachten.

Klar kann ich mein Leben lang danach streben gut und fröhlich zu sein, mich immer völlig korrekt, zurückhaltend und bescheiden anderen Menschen gegenüber zu benehmen – ein bewundernswertes Ziel – aber völlig unrealistisch, denn ich werde auch mal traurig, wütend oder böse sein.

Und in dem Falle glaube ich, dass es besser ist, meine Gier nach Erfolg, meinen Wunsch nach Überlegenheit auf spielerische Art zu befriedigen, als auf ernsthafte und unschöne Art und Weise!
Welcome to the World of Sport…

Und JA, ich bin auch dafür, dass man sich über seine Erfolge aus vollem Herzen freuen darf. Es ist nicht gut, dass wir uns so oft klein machen, obwohl wir eigentlich was Großartiges erreicht haben.
Wir tun das, weil wir andern nicht auf die Füße treten wollen.
Aber mal ernsthaft, müssen wir uns ständig auch noch darum kümmern?
Wenn sich jemand durch unseren Erfolg, unser Glück oder unsere Freude brüskiert fühlt, ist das in erster Linie ein Problem was damit zusammenhängt, das er es aufgrund eigener Defizite schlecht verkraften kann.

Das ist traurig, aber kein Problem, das man durch Rücksicht und den Versuch sich selbst zu verbiegen lösen könnte.
Da muss der andere einfach mal mit seinem Schweinehund in den Ring steigen und seine Probleme auf seine Art lösen.

Ich bin ein total friedliebender und harmoniebedürftiger Mensch, ich will nicht sagen, dass wir jetzt alle in einen sinnlosen Wettstreit mit einander treten sollen, aber ich bin dafür, dass wir uns selbst besser kennenlernen und ab und an auch mal einen Scheiß auf das geben, was andere davon halten.

Freut Euch, wenn es Grund zur Freude gibt!
Seid stolz auf Euch, wenn ihr es angemessen findet, und vorallem schämt Euch nicht, wenn ihr glücklich seid und ein anderer vielleicht grade nicht.
Irgendwo gibt es immer diesen Anderen, das ganze Leben lang!

Immanuel Kant hat uns mit seinem kategorischen Imperativ doch ein ganz schönes Regulativ mit auf den Weg gegeben: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Wenn wir jetzt zu Gauchogate zurückkehren und versuchen den kategorischen Imperativ darauf anzuwenden, passiert Folgendes:

Der Gewinner darf mit angemessenen – gerne humoristischen – Einlagen, über den Verlierer triumphieren. Dadurch geht keiner kaputt oder bekommt ein schlimmes Trauma.
Allerdings müssen alle wissen, und ich glaube im Vergleich zum Feuilleton tun sie das auch, dass man jederzeit auf jeder Seite stehen kann.
Mal gewinnt man, mal verliert man.
Mal kann man triumphieren, mal muss man die Unterlegenheit akzeptieren.

Fast wir im echten Leben, oder?

Feiert Euch!
Eure Susanne

Hier geht es zum #gauchogate

16 Comments

  1. Andreas
    17. Juli 2014

    Leave a Reply

    Sehr schön!
    Damit ist alles dazu gesagt.

    • susanne
      17. Juli 2014

      Danke Andreas :-)! Freut mich, dass Dir mein Artikel gefällt.
      Lieben Gruß, Susanne

  2. Frank H. Sauer
    17. Juli 2014

    Leave a Reply

    Wunderbar!
    Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel.

    • susanne
      17. Juli 2014

      Schön, dass er Dir gefallen hat Frank und vielen Dank für das Feedback :-)!

  3. waike nawroth
    17. Juli 2014

    Leave a Reply

    Ganz toll geschrieben. Bin ganz deiner Meinung. Finde es wirklich traurig, das man im Internet, nach dem Endspiel, schon die ersten negativen Kommentare aus dem Ausland lesen konnte. Das war zwar klar, aber das jedesmal wenn ein Deutscher Erfolg hat, gleich der hässliche Hitlerverehrende Nazi aus dem Hut gezogen wird, nervt mich total. Schreib weiterhin so tolle Beiträge, mir gefällt jedenfalls was ich lese.

    • susanne
      18. Juli 2014

      Waike, vielen Dank für Dein Feedback.
      Klar schreib ich weiter – macht mir ja einen riesen Spaß :-)!!
      Aber selbstverständlich freue ich mich immer sehr, wenn ich lese, dass es euch gefällt!!!
      Habt ein sonniges Wochenende!
      LG Susanne

  4. Roland
    18. Juli 2014

    Leave a Reply

    Gewinnen können, seine eigene Stärke nach außen zeigen können – sein Licht auf den Scheffel stellen – führt mitunter zur Provokation derer, bei denen das „noch“ im Schatten liegt.
    Thema: NEID
    Ausgleichschance: RESPEKT – zuallererst vor dem Eigenen
    Folge: SCHÖNHEIT

    Danke Susanne – für deinen Beitrag zu diesem zeitgemäßen Thema

    • susanne
      18. Juli 2014

      Sehr gerne Roland. Freut mich, dass Du es ähnlich siehst wie ich.
      Wünsche Dir ein schönes Wochenende :-)!

  5. Roland
    18. Juli 2014

    Leave a Reply

    Dito

  6. Thorsten
    18. Juli 2014

    Leave a Reply

    Oh Mann, ist das ne Hitze heute. Ich geh auch schon wie so ein Gaucho 😉

    • susanne
      18. Juli 2014

      Noch zwei Grad mehr, und Du gehst wie ein Ägypter ;-)!

  7. Severine
    18. Juli 2014

    Leave a Reply

    Schöner Artikel, toll auf den Punkt gebracht! Da haben junge Leute, teilweise fast noch Kinder, eine klasse Leistung gebracht, für die sie lange trainiert haben. Da machen die einfach mal Party, feiern (auch öffentlich) ausgelassen und haben auch schon ein paar Bierchen intus. Und was passiert? Alles haben sie falsch gemacht! Die hätten sich da einfach hinstellen und sich für ihren Sieg entschuldigen sollen, bei allen anderen Fußballnationen weltweit – mehrfach und nachdrücklich. Also mal ehrlich: Es war unhöflich, hätte man anders oder vieleicht auch gar nicht sagen (singen) sollen – aber auch nichr mehr! Irgendetwas in mir hatte auch gezuckt, als ich es am Dienstag live im TV mitbekam – aber so sind wir: Kinder unserer Erziehung, geborene Multi-Kulti-Global-Fans und das Ding mit der ‚Gnade der späten Geburt‘ will einfach nicht funktionieren. Wenn ich meinen Nachbarn grad mal als Deppen bezeichne, ärgert sich keiner, außer mein Nachbar. Wenn der allerdings Ausländer (sorry, Mitbürger mit Migrationshintergrund) ist, stehe ich morgen mit dem Rücken zur Wand, weil die halbe Welt sich ärgert. Also: Die Jungs haben gefeiert und jeder hat das gute Recht, auch mal dummes Zeugs zu tödeln. Nix anderes war das … Punkt!

    • susanne
      21. Juli 2014

      Danke Severin für Dein Feedback.
      Du hast völlig Recht, man muss die Kirche auch einfach mal im Dorf lassen, und sollte nicht immer alles sofort auf die Goldwaage legen!!!
      Ein bisschen mehr Lockerheit und Entspannung wären bei dem Thema sicherlich ganz gut gewesen!!!

      Lieben Gruß, Susanne

  8. Sarah
    18. Juli 2014

    Leave a Reply

    Daumen hoch, gelungener Artikel! Ich als Türkin, deren Team ja bekanntlich nicht bei der diesjährigen WM dabei war, habe während der ganzen WM mit dem Deutschen Team wie verrückt mitgefiebert und mich wie Bolle über den letztendlichen verdient geholten Titel gefreut. Denn ich bin ein Teil von Deutschland, ganz gleich aus welchem Land ich Stamme. Generell finde ich das Team in seinem gesamten Auftreten immer sehr sympathisch, fair und mitfühlend. Den „Goucho-Dance“ habe ich live gesehen und mich totgelacht, und zu gleich hab ich mich dem Gedanken dass das einige in den falschen Hals bekommen werden leider Gottes nicht entziehen können… Nun sind es die Möchtegern-Gutmensch-Journalisten die eine Welle machen um nichts, einfach um unter Beweis zu stellen wie politisch korrekt sie doch sind. Sie bezeichnen die Spieler als respektlos, sind es aber eigentlich selber in dem Sie ihnen völlig unnötig Böswilligkeit unterstellen. Schade finde ich das. Schade für die Spieler, Schade für die Fans und Schade für ganz Deutschland.
    Eine solch miese Stimmung zu verbreiten wo doch Deutschland und viel mehr die ganze Welt so Ihre Probleme hat und jeder Grund herzlich zu feiern und zu jubeln so wertvoll ist.

    • susanne
      21. Juli 2014

      Hallo Sarah, danke für Dein Feedback, und Du sprichst mir aus der Seele.
      Toleranz ist eben ein Begriff, den man auf so vieles anwenden kann, auch auf einen Haufen junger Fußballer, die sich vielleicht mal 5 Minuten keine Gedanken um political correctness gemacht haben…
      Schön, dass Du mitgelesen hast!
      Lieben Gruß, Susanne

Hinterlasse einen Kommentar


*