Hab Spaß, bleib Single!

August 11, 2014|Posted in: Artikel|By

Ich kann mich noch ziemlich genau erinnern, was ich als Kind dachte, als ich ein Märchen las, in dem der Prinz die Prinzessin vor dem Drachen gerettet hatte und das mit den Worten endete: „Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.“ Oder hatte ich diese Gedanken vielleicht doch erst als Teenager, kurz vor dem Abspann einer amerikanischen Liebeskomödie im Fernsehen, als die männliche und die weibliche Hauptfigur einander endlich gekriegt hatten und sich knutschend in den Armen lagen, nachdem sie sich circa neunzig Minuten lang quer durch eine ganze Bandbreite lebendiger und unterhaltsamer Begebenheiten gejagt hatten?

Egal, der Gedanke war jedenfalls: „Bullshit!“ – oder etwas mit ähnlicher Bedeutung, falls ich dieses Wort damals noch nicht kannte. Die Erkenntnis, die sich damals in meinen jugendlichen, lernbegierigen grauen Zellen breit machte, war: Würde das gemeinsame Leben der beiden ab diesem Moment doch so wundervoll werden und wäre alles, was nun folgt, noch viel schöner und besser als die Ereignisse, die sich davor entwickelt hatten, wer würde uns den Fortgang der Geschichte vorenthalten wollen?

Damals war für mich klar und wurde mit jedem dieser erzählerischen Coiti interrupti klarer: Wie es weiter geht, wird uns verschwiegen, weil das Leben in Partnerschaft entweder so langweilig ist, dass es wenig darüber zu erzählen gibt, oder so schrecklich, dass man sich besser darüber ausschweigt, oder im schlimmsten Fall: beides.

Tatsache ist, dass in unserer Gesellschaft das Leben zweier Menschen in Partnerschaft, idealerweise unterschiedlichen Geschlechts und nicht zu unterschiedlichen Alters, inklusive Eheschließung und Nachkommen, noch immer als die absolute Norm gilt. Ausbrecher aus dieser werden bestenfalls als Sonderlinge akzeptiert, oft aber auch belächelt oder gar verurteilt und ausgegrenzt. Tatsache ist aber auch, dass jede dritte Ehe in Deutschland geschieden wird, in Großstädten und Ballungsgebieten sogar jede zweite.

Die verbreitete Meinung hierzu lautet: Die Menschen sind heutzutage einfach nicht mehr anpassungsfähig genug, jeder denkt nur noch an sich, ist nicht mehr bereit, Opfer zu bringen. Doch ich sehe das anders: Die Menschen sind heute wahrscheinlich mindestens genauso anpassungsfähig wie früher, nur sehen sie sich heute mit mehr Wahlmöglichkeiten konfrontiert: So, wie man früher vielleicht einfach zum Handwerksbetrieb nebenan ging, um eine Lehrstelle anzutreten, weil man keine anderen Möglichkeiten sah, und ein Leben lang in diesem Beruf blieb, egal, ob man glücklich war oder nicht, so begab man sich auch in eine Partnerschaft und blieb in ihr.

Und ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen: Den Menschen mangelt es nicht an Opferbereitschaft, sondern sie haben in der Regel zu viel davon: Wenn eine Partnerschaft seit zwei oder drei Jahren nicht mehr glücklich ist, wird sie es fast mit absoluter Sicherheit in den nächsten fünf oder fünfzehn Jahren ebenfalls nicht werden. Die Scheidungsrate geht hoch, aber gleichzeitig wird der durchschnittliche Zeitraum größer, der vergeht, bevor Paare sich scheiden lassen. Es ist also nicht das Problem, dass man es nicht versucht, sondern das Problem ist, dass man es zu lange und zu sehr versucht, weil man noch immer meint, an etwas festhalten zu müssen, das nicht funktioniert.

Vielleicht hat es ja tatsächlich einen tieferen Sinn, dass die Eheschließung „Hochzeit“ heißt, weil es in den meisten Fällen danach bergab geht: Nach sechs Jahren Ehe gibt jede zweite Frau an, dass sie ihren Mann nicht noch einmal heiraten würde. 80% der Männer hingegen behaupten zwar, ihre Ehe sei glücklich, aber ich glaube den meisten von ihnen kein Wort: Vermutlich haben sie einfach zu viel investiert und ertragen als dass sie zugeben könnten, gescheitert zu sein und innerlich schon lange gekündigt zu haben. Ich würde schätzen, dass neun von zehn langfristigen Partnerschaften unglücklich sind oder auf dem Weg ins Unglück – und damit meine ich nicht die gelegentlichen Aufs und Abs und vorübergehende Krisen, denn diese sind normal und wohl unvermeidbar in allen Lebensbereichen.

Doch warum halten die meisten Menschen die Lebensform der langfristigen Partnerschaft trotz dieser düsteren Aussichten nach wie vor für erstrebenswert? Vermutlich, weil es die Norm ist, weil sie keine Alternativen sehen, weil sie Angst vor dem Alleinsein haben, eventuell Kinderwünsche haben und weil die rosarote Brille der romantischen Verklärung allgegenwärtig ist. Denn wer würde schon bei klarem Verstand in die Aktie einer Firma investieren, deren Verluste mit neunzigprozentiger Sicherheit die Gewinne überschatten werden und die mit fünfzigprozentiger Sicherheit bankrott gehen wird?

Ich habe gelernt, dass wenn eine Sache für die meisten Menschen nicht funktioniert, es meist nicht an den Menschen liegt, sondern an der Sache. Vielleicht steht eine Zeit des Umdenkens und der Neuausrichtung an: Es gibt andere Lebensformen, die nicht so verbreitet, aber erfolgsversprechender sind, zum Beispiel das Leben in Gemeinschaften, in denen alle, die dazu gehören, einander unterstützen und füreinander da sind, unabhängig von vorübergehenden partnerschaftlichen Beziehungen. Ein solches Gefüge ist gleichzeitig flexibler und stabiler als eine zweisame Beziehungskiste.

Ich widme diesen Artikel den wenigen Paaren, die tatsächlich langfristig glücklich sind in ihrer Partnerschaft. Ja, ich bewundere euch sehr, beneide euch manchmal auch ein wenig und hin und wieder wünsche ich mir sogar, euch ein wenig Blut abnehmen zu können und euer seltenes Beziehungs-Gen zu finden, das mir und dem Rest der Menschheit ebenfalls den Zugang gewähren wird in die ewige Glückseligkeit des Pärchen-Himmels. Aber so lange die Wissenschaft noch nicht so weit ist, werde ich mich weiterhin dagegen wehren, dass ihr Exoten zur Norm erkoren werdet.

In diesem Sinne möchte ich mit einem klassischen Zitat schließen:

„Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.“
(Friedrich Schiller: Das Lied von der Glocke)

Anmerkung der Redaktion: Der Autor hat uns gebeten, darauf hinzuweisen, dass dies nicht sein einziger Standpunkt zum Thema Beziehungen ist. Wir vermuten, dass er sich die Chance nicht vollends verbauen möchte, auch in Zukunft mal wieder in den Genuss einer Partnerschaft zu kommen, sei sie nun auf Lebenszeit oder von noch begrenzterer Dauer.

4 Comments

  1. Luna
    12. August 2014

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    Klasse Artikel und Top-Anmerkung der Redaktion 🙂

  2. Christian Z
    12. August 2014

    Leave a Reply

    Herzlichen Dank, Steffen und Luna!

    Drüben auf Facebook gab es auch noch einige spannende Kommentare, die ich euch hier nicht vorenthalten möchte. Viel Spaß beim lesen…

    Klasse!!!! K.S. (w)

    …schöne Gedanken hast du dir da gemacht….ich teile sie zwar nicht, weil für mich Partnerschaft immer noch einen ganz besonderen Stellenwert hat – wenn ich mich ganz bewusst darauf einlasse -…da kann, in der Tiefe, etwas sehr wertvolles passieren, was eine Gemeinschaft so nicht hervorbringen kann, aber deine Zeilen haben mich schmunzeln lassen. Danke dafür. M.E. (w)

    Ein Argument für Familie ist sicherlich auch, daß Kinder gerne Mama und Papa um sich haben und man als Eltern schnell lernt, daß man sich und seine Befindlichkeiten nicht mehr so wichtig nimmt und zwar aus einem ziemlich überzeugenden Grund, der Liebe für einen kleinen Menschen heißt. M.Z. (w)

    Wie sich eine Partnerschaft gestaltet, ist doch im Grunde völlig egal. Wichtig ist nur, dass alle Beteiligten ihre Bedürfnisse kennen und in der Lage sind, diese zu kommunizieren. Der Rest findet sich… Das lustige an dem Artikel ist die Anmerkung der Redaktion… A.Y. (w)

    „Vielleicht steht eine Zeit des Umdenkens und der Neuausrichtung an“ – so sehe ich das auch. Solange die nicht monogame Beziehung (siehe aktuelle Studien) der Normalfall ist und gleichzeitig pathologisiert wird, ist Scham und Schuld in den Menschen vorprogrammiert und das ist sehr schade. Auf der anderen Seite gibt es leider auch wenig Paare mit offenen Beziehungen oder in Polyamorie lebend, die wirklich glücklich zu sein scheinen. Und in Gemeinschaften gibt es leider auch oft Probleme mit Nähe und Sex. Also lasst uns forschen – eine Lösung scheint noch nicht in Sicht zu sein… F.W. (m)

    Ich habe noch nie in einer festen Beziehung gelebt, und will auch nicht in einer Beziehung leben. Ich bin ein glücklicher Single. Allerdings wäre ich sehr froh, nicht immer von meiner völlig verwirrten Umwelt bedauert würde. – Dabei bedauere ich sie – keine spontane Aktion ohne sich mit jemandem absprechen und Kompromisse schließen zu müssen. G.L. (w)

    Also ich kenne Menschen mit tiefen, schönen, lang andauernden Beziehungen. Sie sind im Gegensatz zu anderen Beziehungen nicht beliebig (es passt halt irgendwie und beide wollten nicht mehr einsam sein) und sie werden von beiden aktiv gepflegt. Alles darf auf den Tisch kommen, keiner gibt sich für die Beziehung auf. Dadurch bleibt sie lebendig – auch wenn es mal weh tut ;O) Ansonsten sind Beziehungen vermutlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Auch ein Grund dafür, dass auch ich Single bin ;O))) S.S. (w)

  3. Luna
    12. August 2014

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    Danke für die Kommentare Christian 🙂
    Dein Text ist dennoch besser!!!

    Wer wissen möchte, wie er in Singlebörsen garantiert keinen Erfolg hat, sollte mal einen Blick in die Profiltexte in „Lunas Abenteuer Singlebörse“ werfen 🙂
    Sorry, ist ein bißchen Eigenwerbung, aber den Ball habe ich gerne gefangen und zurück geworfen 🙂

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