Es ist der Tod, der das Leben kostet!

September 8, 2014|Posted in: Artikel, Kurzgeschichten|By

Sie hatte kein schönes Leben, zumindest kam es mir so vor!

Wie oft saß sie betrunken und verheult bei mir, und ich habe versucht Ordnung in ihr Chaos zu bringen.
Es war vergeblich. Zwar schätzte sie meinen Beistand und meine Klarheit, aber meine Vorschläge etwas zu verändern, verpufften irgendwo zwischen dem Moment als meine Gedanken sich zu Worten formten und meinen Mund verließen, und dem Moment, wo sie – nachdem sie ihren Gehörgang passiert hatten – in die Tat hätten umgesetzt werden müssen.
Nichts geschah, so dass ich fest damit rechnete, dass sie nicht alt werden würde. Ich ging davon aus, dass sie sich eines Tages, wenn die Nebel der Traurigkeit in ihrem Inneren auch vom letzten Winkel Besitz ergriffen hätten, umbringen würde.

Es war nicht der Alkohol, der sie tötete, denn er war nur ein Freund für sie, der ihr manche friedliche Stunde des Vergessens schenkte, wenn die Vergangenheit, die immer wieder mit fauligen Fingern nach ihr griff, sie mal wieder nicht los ließ.

Ihre Mutter ließ sie im Stich, als ein Mann in ihr Leben trat, der ihr wichtiger war. Er trank und er stank, und den Geruch aus seinem Hals, wenn er sich nachts über sie beugte und sie festhielt, würde sie nie vergessen.
Ihr eigener Mann, mit dem sie eine Tochter hatte, ließ sie irgendwann einfach mit dem Kind sitzen, um mit der Cousine noch einmal von vorne anzufangen.
Ihre Tochter wurde genauso, wie man werden kann, wenn die Mutter derart zerrissen ist.
Rebellisch, schwer erziehbar, depressiv, kaum belastbar und mit ihr in einer symbiotisch kranken Beziehung, in der man weder mit noch ohne einander leben konnte.
Und ihr späterer Chef wurde zu ihrem Liebhaber, lebte aber jahrein jahraus ein pralles bürgerliches Leben mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern und hatte für sie nur einen Teil seiner Aufmerksamkeit übrig.

Es waren auch nicht die Zigaretten, die für sie zusammen mit dem Alkohol ein Genussmittel und eine Ersatzbefriedigung waren, und auch die Antidepressiva waren es nicht.
Nein – alle diese Dinge waren es nicht, die ihr Leben – oder ihre Qual – mit Anfang sechzig beendeten.

„Ich war es, und glaubt mir, ich habe sie erlöst. Erlöst von dem, was sie ein Leben lang quälte, erlöst von dem, was sie nie hätte in dieser Welt verarbeiten können, erlöst von dem, was sie immer in Richtung Abgrund getrieben hat.
Ich bin der, der Euch zerfrisst, der Eure Systeme zum Absturz bringt, der Euch das Leben nimmt und Euch manchmal damit die Freiheit schenkt.
Ich bin der, den ihr ungerecht und anmaßend findet, weil ihr nicht in der Lage seid meinen Algorithmus vorherzusagen.
Ich bin der, den ihr gerne als Geißel der Menschheit bezeichnet, und den ihr so gerne loswerden wollen würdet.
Dabei bin ich nicht mehr und nicht weniger als eine Mutation Eurer eigenen Zellen, denn ich entstehe aus Euch!“

Auf ihrem Weg aus diesem Leben hinaus, hatte sie die Chance sich mit allen zu versöhnen, die sie in den Jahren zuvor Richtung Abgrund trieben.

Da stand der Exmann am Rand und reichte ihr die Hand, die sie nahm. Die Beiden kamen sich als Eltern der erwachsenen Tochter noch einmal so nah, wie sie es auch in all den Jahren schon hätten sein können.

„Ich verspreche Dir, ich werde für sie da sein und sie unterstützen wann immer sie es braucht. Ich passe auf sie auf. Sie wird nicht alleine sein!
Und ich möchte Dich um Vergebung dafür bitten, dass ich Dich mit Deiner eigenen Cousine hintergangen habe. Ich konnte damals nicht aus meiner Haut.“

Sie vergab ihm, denn alles andere wäre völlig sinnlos gewesen und er beruhigte sie.
Die Versöhnung mit ihrer Cousine fand auf einer nonverbalen Ebene statt, denn beide wussten, dass sie sich im Hier und Jetzt nichts sagen mussten, würden sie sich doch schon bald woanders wieder treffen.

Das komplizierte Verhältnis zwischen ihr und ihrer Tochter trat ebenfalls in den Hintergrund.
Ihre Tochter holte sie nach Hause, um sie zu pflegen.
Am Anfang dachten beide Frauen noch, es ginge um ein „Gesundpflegen“, mit der Zeit wurde ihnen klar, dass es nur noch ein „Pflegen in den Tod“ war.
Sie kamen damit klar und wuchsen Beide über sich hinaus. Das erste Mal in ihrer Beziehung begegneten sie sich ohne all die Konflikte, die sonst an ihnen hingen und da war nur die Liebe der Mutter zur Tochter und umgekehrt.
Die bisher so lebensunfähige Tochter bekam Flügel, so groß und so stark, dass sie sie durch diese Monate tragen konnten.
Sie saß bis zur letzten Minute am Bett ihrer Mutter und hatte Kraft für sie Beide.
Schlussendlich hatte sie sogar die Kraft ihr zu sagen, sie solle gehen und loslassen, es wäre alles geklärt zwischen ihnen.

Ihrer eigenen, längst toten Mutter, die sie vor Jahrzehnten verraten hatte, begegnete sie auf der letzten Schwelle vor dem Tod. Ihr Bewusstsein war schon nicht mehr in unserer Welt, uns hörte sie nicht mehr und sprach auch nicht mehr mit uns, aber mit ihrer Mutter redete sie. Sie rief sie und ihr Körper krampfte und zuckte, bis auch in diesen Konflikt Frieden einkehrte und sie ganz ruhig wurde.

Ich sah sie erst wieder, als sie schon zwölf Stunden tot war.
Sie lag noch immer in ihrem Bett, die Hände gefaltet und ihre Lieblingsblumen im Schoß. Die Haut war sehr weiß und ein bisschen wächsern. In den ersten Momenten wartete ich darauf, dass sie die Augen aufschlagen würde, dann gewann langsam die Erkenntnis Raum, dass das nicht passieren würde.
In ihrem Zimmer brannten Kerzen, das Tageslicht kroch durch die kleinen Ritzen der Jalousien und es roch nach Lavendel.
Ihre Tochter erschien mir sehr gefasst, ich hatte den Eindruck, sie ruhte in sich. Bestimmt waren auch alle Tränen bereits geweint, aber neben der Traurigkeit spürte ich eine gewisse Ordnung in ihr.

Ich erinnerte mich an alte und längst verdrängte Totentraditionen. Tote blieben früher immer noch einige Zeit im Kreise ihrer Lieben, in ihren Häusern oder Wohnungen, damit die Seele ihre Reise in Ruhe antreten konnte und ein Jeder die Möglichkeit bekam, sich noch einmal zu verabschieden.

Ich betrachtete meine kleine, tote, alte Freundin und sah wie sie ihr ganzes Leben gehetzt und immer vor ihrer Vergangenheit davon gelaufen war.
Jetzt im Tod kehrte das erste Mal Ruhe ein. Nichts und niemand bedrängte sie mehr, nichts konnte ihr mehr Angst machen, alles was ihr ein Leben lang wehtat, hatte aufgehört zu schmerzen.
Sie lag da und ich spürte förmlich, wie ihre Seele sich wohl fühlte und langsam den Körper verließ, um im Raum mit uns zu schweben. Nichts zerrte und zog mehr. Weder an ihr, noch an uns.
Es herrschte Frieden.
Nach 60 Jahren das erste und wohl auch anhaltendste Mal in ihrem Leben!

Diesen Frieden hatte ihre Tochter ihr geschenkt, die entgegen aller Erwartungen die Kraft aufbrachte, um ihre Mutter auf diesem letzten Weg zu begleiten.
Diesen Frieden hat die Tochter sich aber auch selbst geschenkt, da sie den Weg bis zu Ende mit ihrer Mutter gegangen war.

Wir alle verdrängen die Tatsache des Sterbens. Am ehesten verdrängen wir es uns mit dem Tod geliebter Menschen auseinanderzusetzen, weil uns der Verlust zu sehr ängstigt.
Den eigenen Tod wiederum nehmen wir meistens einfach nicht ernst und schieben ihn beiseite.
Dabei ist Sterben ein Prozess, der zum Leben gehört, wie geboren zu werden.
Wenn wir keine Chance haben, diesen Prozess von Anfang bis Ende zu begleiten, werden wir zeitlebens das Gefühl haben, etwas sei uns ausgerissen worden. Wir vermissen den Toten immer auf eine krampfhafte Art, weil wir nicht mitbekommen haben, auf welche Art er gegangen ist.
Die Toten, die wir auf ihrem Weg hinaus begleiten, können wir besser gehen lassen, da wir ihnen die Türe geöffnet haben. Sie werden uns genauso fehlen, aber wir können an sie in Ruhe, Liebe und Frieden denken und nicht mit Schmerz und voller Zerrissenheit.
Und nichts tut so weh, wie ein Loch, dass in uns gerissen worden ist. Ein Loch, das ein Mensch hinterlassen hat, den wir geliebt haben und der ein Stück von uns mitgenommen hat.
Dieses Loch ist eine brennende, klaffende und schmerzende Wunde, wie ein Stück verbrannte Erde, auf dem nie etwas anderes wachsen und gedeihen wird.

Das Leben endet mit dem Tod. Diese Nachricht, so klar wie sie ist, trifft uns mit unglaublicher Härte.

Warum eigentlich? Warum weigern wir uns zu akzeptieren, dass wir die Welt der Menschen nur für eine Zeit als Aufenthaltsort gemietet haben und es irgendwann Zeit ist, in eine andere Welt weiter zu ziehen.
Warum fangen wir nicht endlich an mit diesem Bewusstsein zu leben?
Wir sollten der Zeit die wir haben mehr Inhalt und Qualität verleihen, die Menschen die uns begleiten mehr wertschätzen und lieben, der Umwelt die uns umgibt mehr Respekt zollen und sie mehr schonen, um denen die nach uns kommen noch etwas zu hinterlassen, dem Gerangel nach Macht, Geld und Erfolg weniger Platz einräumen und das Streben danach als relativ sinnlos enttarnen.

Ich glaube wir sollten den Tod einladen eine Rolle in unserem Leben zu spielen, um zu erkennen wie verantwortungslos wir mit dem umgehen was uns als Leben geschenkt wird.
Vielleicht können wir so mit ihm Frieden schließen, weil er uns helfen kann, bewusst mit allem umzugehen, an dem wir in diesem Leben hängen.

Am Ende ist es eventuell nur der Tod, der uns ein Leben schenken kann, das sich vom reinen Existieren unterscheidet.

6 Comments

  1. Roland
    8. September 2014

    Leave a Reply

    Wow !! Susanne nach erstem Überfliegen .
    Kommentar folgt

  2. Katharina
    9. September 2014

    Leave a Reply

    Intensiv schön – Gänsehaut – Danke!

  3. Roland
    10. September 2014

    Leave a Reply

    Ich möchte diesem Text nichts mehr hinzufügen . Danke

  4. susanne
    10. September 2014

    Leave a Reply

    Hallo Ihr Lieben,
    danke für Eure Feedbacks.
    Freut mich, dass mein Text bei Euch so gut angekommen ist und vielleicht den ein oder anderen Gedanken zum Thema Tod ausgelöst hat.

    Lasst es Euch gut gehen 🙂 und genießt das Leben!!!

    Eure Susanne

  5. Reinhard Knebel
    29. Januar 2015

    Leave a Reply

    Schöner kann man das Leben nicht beschreiben.

Hinterlasse einen Kommentar


*