Über die Begeisterung, mit der U-Bahn zu fahren

September 16, 2014|Posted in: KURZ gesagt!|By

Neulich stand ich am Gleis und wartete auf die Einfahrt der U-Bahn. Ich war weder sonderlich gestresst, noch war der Zug unpünktlich, eine alltägliche Situation.

Da sah ich ein kleines Mädchen an der Hand Ihrer Mutter. Die Kleine konnte wohl gerade laufen, war jedenfalls nicht viel älter. Sie sprang auf und ab und juchzte laut, weil der einfahrende Zug und die bevorstehende Fahrt für sie offensichtlich richtig aufregende Erlebnisse waren.

Ich musste schmunzeln. Stand ich auch einmal so am Bahngleis und freute mich auf „Eisenbahn fahren“? Ich erinnere es nicht, aber es war sicher so.

Wann verlieren wir diese Begeisterungsfähigkeit für die kleinen Dinge?
Wenn sie nicht mehr neu sind?
War unsere Aufregung nur Vorfreude oder nehmen wir heute eine Bahnfahrt gar nicht mehr mit unseren Sinnen war? Die Beschleunigung, die Geräusche, die Tatsache, dass wir verglichen mit der Schrittgeschwindigkeit unfassbar schnell an einem ganz anderen Ort sind?

Ich habe gerade irgendwo gelesen, dass trotz unserer wahnsinnig gesteigerten Mobilität die Fahrten zu Schule, Arbeitsplatz oder Freunden durchschnittlich genauso lange dauern, wie zu Zeiten unserer Großeltern. Das erinnert mich daran, dass wir theoretisch immer weniger Sprit pro Motorleistung brauchen, dann aber Riesenjeeps in der Innenstadt fahren. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden…

Vielleicht hilft ja ein Perspektivwechsel: Vor hundert Jahren hätte man als Frankfurter gerne ein paar Stunden Fahrzeit inklusive Stau in Kauf genommen, um Verwandte in Hamburg oder München zu besuchen (und was wäre das für eine aufregende Fahrt gewesen).

Meine Gedanken schweifen ab, im Radio lief ein Beitrag, dass die Leute in Kiew nicht wissen, wie sie im Winter heizen sollen. Ich denke an Menschen, die auf untauglichen Booten über das Mittelmeer wollen, um hinter unserem Frontex-Wall ein kleines Glück zu suchen und an das, was Menschen mit anderen Menschen machen, direkt an der Südgrenze unseres Urlaubslandes Türkei.

Vielleicht können wir lernen, die alltäglichen Dinge neu wertzuschätzen und bewusst zu erleben. Würde das unseren Alltag nicht bereichern?

Fernsehprogramm, Parkplatzsuche, Jobroutine, Wochenende umplanen wegen Regen.

Eine Pizza aus der Hand.

Eine Fahrt in der U-Bahn.

Eigentlich richtig toll.

4 Comments

  1. Eva
    16. September 2014

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    Oh, was für ein feiner Beitrag, Manfredo, danke! So leicht und doch so tiefsinnig, eher kurz und deshalb so klar, so einfach und so anregend: ich sehe alles vor mir und kann sofort fühlen,, was Du beschreibst. Die „alten“ Begriffe zeigst Du auf: Freude, Begeisterung, Sein, aber auch Elend und mangelnde Anteilnahme. ANKE

  2. Eva
    16. September 2014

    Leave a Reply

    nicht ANKE sondern DANKE

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