GRENZ-ERFAHRUNG

Oktober 10, 2014|Posted in: Kurzgeschichten|By

Klitzekleine Schweißperlen bahnen sich katapultartig ihren Weg durch meine Poren und meine Stimme versagt. Ich fühle mich wie gelähmt. Meine Umwelt, den Moderator, beides nehme ich noch wahr, aber es ist mir unmöglich zu antworten. Ich stecke fest in einem Gefängnis aus plötzlichen Erinnerungen, Angst, Ohnmacht, Verzweiflung und unbändiger Wut. Möchte reagieren, möchte mir meine Verwirrung auf keinen Fall anmerken lassen, aber mein Körper gehorcht mir nicht mal mehr so weit, dass ich ein Wort formen könnte.

Die kleinen, kalten Schweißperlen, die in dem Moment, indem sie aus der Haut austreten, ein Kitzeln verursachen und das verständnislose Gesicht des Moderators, der seine Frage wiederholt, holen mich zurück. Schlagartig wird mir klar, dass ich eine Entscheidung treffen muss! Entweder, ich gebe mich der Ohnmacht hin, die seine Frage in mir auszulösen beginnt, und erlebe dann vermutlich die wildesten öffentlichen Spekulationen über meinen Nervenzusammenbruch live im Studio, oder ich werfe ihm jetzt irgendetwas vor die Füße.

„Herr Franz, bitte entschuldigen Sie, Ihre Frage hat mich gerade etwas irritiert. Wem meinen Sie, sollte man ver…“

In meinem Kopf klingt es so, als wäre meine Stimme plötzlich blechern, würde krächzen, wie eine rostige Fahrradkette. Der Schall schnellt zwischen meinen Ohren hin und her, und wieder drohe ich den Faden zu verlieren.

„…vergeben, Frau Jahnke. Den Schülern aus Ihrem Buch, die ihre pubertären Giftpfeile ja wohl eher aus Unwissenheit und jugendlicher Überheblichkeit auf die unbeholfene Referendarin abgeschossen haben, als aus echter Niedertracht und Gemeinheit. Und schließlich könnten wir heute ja nicht Ihr wundervoll geschriebenes, unterhaltsames Jugendbuch vorstellen, wenn Sie sich nicht diese Lausbubenstreiche ausgedacht hätten!“

Hätte ich mich selbst sehen können in diesem Moment, ich wäre vermutlich vor meinem konsternierten Blick zurückgewichen.

Mein Buch? Lausbubengeschichten? Unterhaltsam?

Als der Moderator während der Aufzeichnung meinen Satz vollendete, wurde mir bewusst, was passierte. Nicht seine journalistisch wenig anspruchsvollen Fragen hatten mich so weit fortgeführt, sondern es war dieses eine Wort. Er fragte mich nach Vergebung, und ich schoss innerhalb von Millisekunden durch Raum und Zeit, verließ erst die Figuren aus meinem Jugendbuch, zu denen ich befragt wurde und dann das Studio, das Jahrzehnt und schließlich das Land. Irgendwie war es mir gelungen, das schaurige Spiel im Studio mit einer Art mechanischem Humor in Würde zu Ende zu bringen.

Die Aufzeichnung liegt jetzt drei Stunden zurück, und ich laufe immer noch ziellos am Spreeufer entlang. Ich laufe vor der Entscheidung davon, nach Hause zu gehen, bin wieder in dieser für mich so schmerzlichen Erinnerung gefangen.

Ich habe Angst vor der Begegnung mit ihm, denn ich bin mir sicher, dass er zu Hause darauf wartet, mit mir zu reden. Es ist mein Zuhause, mein Refugium, das jetzt von ihm besetzt wird. Das fühlt sich schäbig an, weil es mein Ort dieser selbstgeschaffenen Sicherheit ist, den ich brauche, um die verletzten Teile in mir zusammenhalten zu können.

Ich selbst habe ihn in mein Leben gelassen, weil ich ihn liebe.

Wir sind noch nicht lange zusammen, aber vor ein paar Tagen habe ich ihm den Schlüssel zu meiner Wohnung gegeben.

Nicht, da waren wir uns beide einig, damit er einfach ein- und ausgehen konnte, sondern eigentlich nur, um ihn nicht immer abends, wenn er mit seinem Wagen zu mir kam, in die Tiefgarage lassen zu müssen.

Ich weiß, dass er mich liebt. Nicht nur, weil er es mir gesagt hat, sondern weil ich es in jedem Blick und in jeder Berührung spüre. Dennoch ist er seit heute zum Abbild meiner größten Angst, meinem ältesten Trauma, meiner Verzweiflung, ja sogar meiner eben im Studio unterdrückten Panikattacke geworden.

„Schatz, ich geh’ kurz unter die Dusche. Mein Kollege wollte eigentlich schon vor zehn Minuten anrufen, um mir die Flugnummer durchzugeben, damit ich den Kunden gleich abholen kann. Kannst du kurz rangehen und das notieren, falls er sich meldet?“, rief er mir heute Morgen gut gelaunt zu.

„Klar, ich kann mich auch später fertig machen.“ Ich setzte mich mit meinem Kaffeebecher aufs Sofa und genoss die Situation, diesen Mann getroffen zu haben, in den ich mich schon nach wenigen Augenblicken verliebt hatte. Großartig, dass es ihm genauso ging.

Jetzt sprang er nackt durch meine Wohnung, wir hatten letzte Nacht fantastischen Sex, wie eigentlich jedes Mal, wenn wir uns sahen, und alles fühlte sich unbeschwert und richtig an. Ein Gefühl, das ich schon lange nicht mehr erlebt hatte.

Gedankenverloren bekam ich das Vibrieren seines Telefons gar nicht mit. Als ich es endlich bemerkte, sprang ich panisch auf, um seinen wichtigen Anruf nicht zu verpassen. „Ahh, shit!“ Das tat mal wieder weh. Manchmal bei falschen und ruckartigen Bewegungen, oder bei komischem Wetter fühle ich noch dieses Stechen in der Wade. Da ist nichts, sagen die Ärzte. Alles wäre perfekt verheilt damals, aber ich kann es sehr wohl spüren. Schmerzen könne man sich nicht merken, versuchte eine Biologieprofessorin mir einmal glaubhaft zu machen, aber ich wusste es besser. Schmerzen kann man sich sehr wohl merken. Ich kann mich an den von damals noch haargenau erinnern, genauso wie an das warme Blut, das mir durch die Finger rann. Und ebendieses Ziehen und Stechen, das mich noch heute manchmal quält, ist meine lebenslange Erinnerung an Frank.

„Jahnke, Apparat Ludwig.“, beeilte ich mich zu sagen, um den Kollegen vom Auflegen abzuhalten.

„Ludwig? Entschuldigen Sie“, sagte eine etwas ältere Frauenstimme mit einem Dialekt, denn ich seit Jahren kaum noch ertragen konnte, „da habe ich mich verwählt!“

Sie legte auf, und ich legte Jens’ Handy wieder auf den Esstisch und kehrte zum Sofa zurück.

Es klingelte erneut, ich sprang wieder auf.

„Jahnke, immer noch Apparat Ludwig!“, hörte ich mich sagen.

Ein paar Sekunden war nur der Atem der Anruferin zu hören.

„Ähm, ich wollte eigentlich meinen Sohn Ronny Koschinsky sprechen, hier spricht Hannelore Koschinsky. Das ist doch seine Nummer. Ich bin mir ganz sicher!“

Das Handy glitt mir aus den Händen, kurz blieb die Zeit für mich stehen. Wie in Zeitlupe fiel es auf die Fliesen und zerschellte. Das Display splitterte, und tausend Kristallteilchen verteilten sich auf dem Boden.

Fassungslos starrte ich auf die glitzernden Teilchen auf meinem Fußboden und den in der Mitte liegenden Rest von Jens’ Telefon.

Ich weiß nicht, wie lange ich bewegungslos und mit hängendem Kopf vor den Bruchstücken stand. Das Bild verschwamm irgendwann vor meinen Augen, dachte ich doch längst darüber nach wie weit Jens sich innerhalb von Sekunden von mir entfernte und sich unsere Beziehung in den gleichen Scherbenhaufen verwandelte wie sein Handy.

Erst sein sanftes Rütteln an meinen Schultern holte mich aus meinem Fall ins Bodenlose zurück. Ich starrte in sein Gesicht, verlor mich kurz in seinem Blick und spürte diese Wärme und Liebe, in der ich mich gerade gemütlich einrichten wollte, als mir schon die Übelkeit die Kehle hochkroch und diese Übersäuerung in meinem Mund mich dazu brachte, mich Sekunden später vor seine Füße zu erbrechen.

„Wer bist du wirklich?“, würgte ich hervor. „Jens oder Ronny Koschinsky?“, das waren die letzten Worte, bevor ich mich ins Bad flüchtete und ihn völlig perplex stehen ließ und aufforderte schnellstmöglich meine Wohnung zu verlassen.

Und jetzt drücke ich mich hier an der Spree herum, um nicht entscheiden zu müssen, was ich tun sollte, oder vielmehr wozu ich in der Lage sein könnte.

Ich bin mir sicher, dass Jens, oder muss ich ihn jetzt Ronny nennen, das ganze Ausmaß der Tragödie noch gar nicht bewusst ist. Vermutlich glaubt er, mein Schock und meine Wut kommen daher, dass er mich über seine Identität im Unklaren gelassen hat.

Aber das wahrhaft Dramatische ist, dass mir heute morgen schlagartig klar wurde, welche verborgenen Teile seines Selbst er krampfhaft zu verstecken versuchte.

Er muss es mir nicht erzählen oder beichten, ich war ihnen bereits begegnet – vor Jahren, in einem anderen Leben, als ich noch meinen Mädchennamen trug. Ich fühle mich, als würde ich im Inneren dieses Konfliktes zerbrechen. Das Dilemma ist, ihn zu lieben, obwohl ich ihn seit heute Morgen nicht mehr lieben können sollte.

Ich spüre eine gewaltige Ambivalenz aus Hass, Angst, Wut, Enttäuschung und Unverständnis auf der einen, und Liebe auf der anderen Seite. Es ist für mich allerdings nicht vorstellbar, wie Liebe und Vergebung jemals würden die Oberhand gewinnen können, gegenüber dieser furchteinflößenden Trümmer, die von unserer Beziehung übriggeblieben sind.

Ich schaue auf das Wasser. Es fließt, bedächtig, mächtig und grau. Es trägt alles davon. Ich frage mich, was ich ziehen und wegfließen lassen kann und ob ich das überhaupt will. Vielleicht würde ich mit dem Loslassen einen Teil meiner eigenen Identität aufgeben?

Meine Finger sind schmerzhaft steif, als ich versuche, mein Handy in der Tasche zu finden.

Vor Kälte oder einfach aufgrund der Tatsache, dass mein ganzer Körper sich versteift hat, ist mir nicht klar.

Ich wähle seine Nummer. „Hallo?“, höre ich ihn mit brüchiger Stimme sagen. – „Kannst du zum Reichstag kommen? Wir müssen reden.“ Ich lege den Hörer sofort auf.

Mir wird bewusst, dass ich mich ihm noch immer nicht wirklich stellen möchte und meine Wunde, die mir heute morgen schon einen Stich versetzt hatte, brennt wieder höllisch. Es fühlt sich so an, als wolle sie mich davon abhalten, ihm gegenüberzutreten. Es sticht und brennt und ich bilde mir wieder ein, das warme Blut hinabrinnen zu spüren.

Es war neblig und düster an der Stelle, an der Frank und ich uns durchzuschlagen versuchten. Wir waren jung, voller Kraft und Energie und wir wollten leben, frei sein, unsere Potenziale ausschöpfen und schlicht das Recht haben selbst zu entscheiden wie und wo wir leben. Frank hatte bereits einige Zeit im Gefängnis gesessen, weil er immer wieder auffällig war. Er war ein Gegner des Systems, der es nie vorzog den Mund zu halten, um sich damit ein bisschen mehr Lebensqualität zu ergaunern. Er hatte seine Überzeugungen, für die er unangefochten einstand.

Ich war politisch nicht so aktiv, mehr eine Sympathisantin. Natürlich weil ich an die Sache glaubte, weil ich der unumstößlichen Ansicht war, dass Freiheit ein Menschenrecht ist, aber auch, das gebe ich offen zu, weil ich Frank einfach liebte, und seine Überzeugung so schnell zu meiner wurde.

Ich hatte Angst, als mir die Zweige ins Gesicht schlugen. Sie waren nass und hinterließen kalte Tropfen und Dreck auf meiner Haut. Die Angst entdeckt zu werden und die Angst aufzugeben oder Frank zu verlieren trieben mich immer weiter.

Schemenhaft konnte ich ihn vor mir herhuschen sehen und versuchte, ihm wie ein Schatten an den Fersen zu bleiben. Ich durfte ihn nicht verlieren. Das Laufen in dem unwegsamen Gelände war schwierig für mich. Meine Augen gewöhnten sich nicht an die Dunkelheit und den Nebel. Von Richtung oder Entfernung hatte ich keine Ahnung mehr. Mir war nicht klar, ob wir noch unzählige Kilometer vor uns hatten oder nur noch ein paar Schritte von der Freiheit entfernt waren. Ich begann in einer Art Gleichschritt hinter ihm her zu marschieren. Dieser Rhythmus, in Kombination mit meiner fast schon zum Schreien manifestierten Panik, entfremdete mich völlig meiner Umgebung.

Ich bekam kaum noch etwas mit. Atmete immer flacher, wodurch mein verängstigter Körper wahrscheinlich einfach nicht mehr mit ausreichend Sauerstoff versorgt wurde und ich drohte nach vorne überzufallen, als mich der Lichtkegel traf. Er streifte erst Frank, dann heftete er sich an mich.

„Stehenbleiben, oder wir schießen!“ Frank lief weiter. „STEHENBLEIBEN!“ Ich konnte ihn nicht gehen lassen. Er war meine Liebe. Ich konnte nicht einfach die Hände heben, um ihm nur noch nachzusehen. Ich vergaß den Lichtkegel für einen Moment und versuchte, hinter ihm her zu kommen, als ich kurz nacheinander zwei Schüsse durch die Nacht peitschen hörte.

Beim ersten spürte ich nichts, ich sah nur Frank zusammensinken. Der zweite traf mich. In die Wade. Meine Beine versagten ihren Dienst. Ich konnte noch einen Schritt auf Frank zu machen, dann brach ich neben ihm zusammen. Ich spürte sein Blut an meiner Hand. Der Schuss hatte seine Brust getroffen.

Hunde und Soldaten stürmten auf uns zu. Ich sah Frank sterben und ich wünschte ihm, damit fertig zu sein, bevor die Horden bei uns waren.Ich hielt seine Hand und drückte meine Wange an seine. Er hatte Glück. Er starb rechtzeitig. Ich kam in Haft. Kurz vor der Wende wurde ich entlassen.

Später gab es Prozesse gegen die Mauerschützen der ehemaligen DDR. Ich war Nebenklägerin, ließ mich abseits des Gerichtssaals vernehmen und vor Gericht vertreten. In den Akten las ich, dass auf mich ein Ronny Koschinky geschossen haben musste. Grenzsoldat der Nationalen Volksarmee, ein junger Mann in meinem Alter. Er sagte aus, absichtlich auf mein Bein gezielt zu haben, da er dem Befehl nicht folgen wollte, sich aber gleichzeitig auch nicht entziehen konnte.

Sein Kamerad, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Frank zu stoppen, war genauer was die Ausführung des Befehls anging. Plötzlich stehe ich hinter dem Reichstag, am Spreeufer, wo ich gleich Ronny treffe, und werde der Gegenwart wieder gewahr.

Hier gibt es einige Stufen, die als Mahnmal an die Maueropfer andersfarbig markiert sind.

Ich bin zu früh und wartete auf meine zweite Begegnung mit Ronny Koschinsky, völlig ungewiss, was ich ihm sagen oder in Zukunft in ihm sehen soll. Er wird wissen, dass ich seine Geschichte kenne, wenn er mich bei den Stufen stehen sieht. Ob er dann auch erkennt, wer ich bin?

4 Comments

  1. Beke Camon
    10. Oktober 2014

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    Super geschrieben, sehr spannend. Nur eine kleine Formalitaet: die Namen in den Stasi-Akten sind geschwaerzt. Kann man also nicht lesen… Wenn man einer Person nur ein Mal begegnet ist, findet man den Namen nicht raus. Die uebrigen Namen ergeben sich aus dem Kontext, weil man die Leute in der Regel kannte.
    Aber total gut geschrieben! Weiter so. Da ist großes Potenzial drin.

  2. susanne
    10. Oktober 2014

    Leave a Reply

    Hallo Beke,
    vielen Danke für deine Nachricht.
    Freut mich wenn dir meine Geschichte gefällt und vielen Dank für deine Anmerkung. Allerdings muss ich das aufklären, es geht nicht um die Stasi Akten, die haben wir auch zu Hause – leider… Hier war von Prozessakten die Rede und da ist normalerweise nichts geschwärzt.
    Nichts desto trotz ist es eine rein fiktive Geschichte, die keinen Anspruch auf absolute Richtigkeit erhebt. Mir ging es nur um die Idee darzustellen, was passieren könnte wenn man einem Menschen begegnet, der einem eventuell einmal unbekannterweise so etwas angetan hat.
    Liebe Grüße, Susanne

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