Optimieren = sich verlieren?

November 2, 2014|Posted in: Artikel|By

Eine wirklich tolle Sache am Kind sein ist, dass sich die Welt offensichtlich um das dreht, was man gerne macht.
Eltern, Tanten, Onkel, alle versuchen zu erfahren, was so ein Kleinkind gerne mag oder gerne tut, um es dann genau damit zu konfrontieren.
Klar, wenn wir ehrlich sind ist der Motor häufig, dass ein glückliches Kind KEIN quengelndes Kind ist, aber manchmal interessiert es die Erwachsenen auch wirklich, was so ein Kind gerne mag, und dann wird genau das gemacht.

„Im Zoo schaut sie immer so glücklich, wenn sie die Elefanten sieht.“ Also auf in den Zoo, das dritte Mal in dieser Woche.
„Die CD mit diesem EINEN Lied muss immer laufen, wenn wir im Auto sitzen, dann freut er sich so süß!“ Egal, ob selbst der CD Player sich längst nach Abwechslung sehnt.
„Sie will einfach immer NUR pinke Kleider tragen, erst dann können wir aus dem Haus gehen!“
Dabei ist Pink spätestens seit Cindy aus Marzahn bewiesener Maßen für Augenkrebs verantwortlich.

Bei Kindern wird nicht bewertet, wie gut oder schlecht das ist was sie mögen, es wird in den meisten Fällen, solange es sich nicht um Haare ziehen oder Sandschippe wegnehmen handelt, gemacht.

Keiner von den Erwachsenen käme auf die Idee zu sagen: „Drei Mal in der Woche Elefanten anschauen ist nicht gut für die soziale Entwicklung der Kleinen. Wir tauschen einmal gegen musikalische Früherziehung und einmal gegen Kinderballett! Musische Erziehung und Bewegunstraining sind gut für die Persönlichkeitsentwicklung!“

Keiner?
Naja sagen wir mal so, die Phase, in der Kinder so sein gelassen werden wie sie sind, endet irgendwann. Nicht im Alter von elf oder zwölf, sondern genau in dem Moment, in dem die Eltern das Gefühl bekommen, sie müssten die Entwicklung ihrer lieben Kleinen optimieren.

Akzeptieren wird irgendwann von Optimieren überholt.
Und das begleitet uns dann ein Leben lang.

Ist das gut oder schlecht?
Das ist kaum pauschal zu beantworten. Ich bin zum Beispiel ein großer Optimierungsfreund.
Bei mir selbst, manchmal leider bei anderen, im Job, sogar meinen Hund habe ich soweit optimiert, dass er im Wald nicht mehr unkontrolliert arme unschuldige Rehe jagt.
Aber ich fange an das Ganze etwas differenzierter zu sehen.

Kehren wir noch einmal kurz zu den Kindern zurück:
Wenn Eltern bemerken, dass ihr Kind eine Lese- & Rechtschreibschwäche hat oder stottert, sollte man ihm helfen und versuchen diesen Zustand zu optimieren.

Aber was ist die Gefahr, wenn wir ein Leben lang im Optimierungszustand verbringen?
Was wird aus einem stillen, vielleicht kreativen Kind, dass von den Eltern Montags zum Fußballtraining, Dienstags zum Karate und Freitags zum Hip Hop Dance gebracht wird?
Bekommt es vielleicht etwas antrainiert, was gar nicht seinen ursprünglichen Bedürfnissen entspricht.
Vielleicht wird es ein richtig guter Mannschaftssportler? Dann war doch alles richtig, oder? Als Erwachsener fängt er noch mit Tennis an, geht drei Mal in der Woche laufen und wird ein straighter Berater in der renommiertesten Unternehmensberatung am Ort?

Alles richtig gemacht, können die Eltern sich zustimmend auf die Schulter klopfen!

Dieses nagende Gefühl, das an dem ehemals so stillen, gerne zeichnenden oder Hörspiele hörenden Kind im Erwachsenenalter bedächtig kratzt, bekommen sie ja nicht mit. Oftmals bekommt es der Betreffende selbst ja gar nicht mit und wundert sich nur über dieses leise Klopfen, das er manchmal hört, aber noch nicht einmal exakt im eigenen Körper lokalisieren kann.

Ich habe vorhin folgendes Zitat von Byron Katie gelesen:

“As you lose identity, you discover yourself.”
(Wenn Du die Identität verlierst, entdeckst Du dich selbst.)

Ich bin daran hängen geblieben und musste es auch mehrfach lesen, weil ich mich zunächst daran gestört habe.
Die Identität verlieren, um sich selbst zu entdecken?
Sollen wir nicht ständig unsere Identität suchen, um uns zu finden?

Verwirrende Ausganssituation. Ich habe den Begriff Identität sogar noch einmal (sicherheitshalber) nachgeschlagen:

„Die psychische Identität des Menschen stellt keine wie auch immer geartete eindeutige Essenz oder ein unveränderliches Wesen dar. Im Gegenteil: Identität als psychologisches Konzept geht davon aus, dass sich die Person mit etwas identifiziert. Dazu gehört es, Merkmale einer bestehenden Gruppenidentität als eigene Wesensmerkmale anzunehmen und zugleich eigene persönliche Merkmale auszubilden.“

Was also, wenn die Identität, die wir als Erwachsene als unsere annehmen und glauben erkannt zu haben, das ist, womit wir groß geworden sind, wonach wir später selbst gestrebt haben, was wir uns abgeschaut haben.
Was, wenn wir uns mit einer Idee von uns identifiziert haben?
Nicht schlimm, jedoch nur solange, wie das was wir erschaffen haben oder was uns erschaffen wurde, noch mit dem deckungsgleich ist, was wir ganz am Anfang mal selbst wollten und in uns trugen und wir nicht einfach nur ein schickes Mäntelchen angezogen haben, meistens um zu gefallen.

Dann stimmt das Zitat vielleicht. Dann sollten wir unsere Identität verlieren, um uns selbst zu entdecken.

Eine Idee, die sogar häufig in irgendwelchen romantischen Komödien verwendet wird, wenn es darum geht, den Menschen zu finden, der wirklich zu einem passt.
Irgend so einen Film habt ihr doch bestimmt auch schon einmal gesehen, oder? Ein Protagonist lebt ein Leben, in dem er ganz glücklich scheint. Dann hat er einen Unfall, und ZACK vorübergehende Amnesie. Nichts von den alten Erinnerungen, vom alten Leben ist mehr da.
Was dann passiert ist sehr vorhersehbar. Wenn nichts mehr da ist im Außen, muss man sich auf das konzentrieren, was man im Innen findet.
Alle alten Muster, Pläne, Optimierungen sind verschwunden und der Protagonist kreiert sich eine eigene Wirklichkeit, die dann oftmals ganz anders aussieht, als das Leben, was er vorher gelebt hat. Den Partner meistens eingeschlossen.

Soweit die romantische Komödie. Was ist mit unseren echten Leben?
Ich will gar nicht unterstellen, dass wir alle ein vermeintlich falsches Leben leben, aber schadet es, mal zu hinterfragen, wieviele von den Dingen, die wir uns zur Maxime gemacht haben, wirklich unseren innersten Bedürfnissen entsprechen?

Sind wir das, die den Erfolg in dem Beruf wollen, den wir ausführen, die sich in High Heels und gestyled wohler fühlen, als in Jeans und Turnschuhen, die liebend gerne Actionfilme statt Liebesfilme schauen, die aufhören sollten zu rauchen, weil es krank macht, oder die auf das dritte Glas Rotwein verzichten sollten. Sind wir das, die diese eine Frau oder diesen einem Mann so toll finden oder würde diese Person sich einfach besser an unserer Seite machen, als eine andere? Sollten wir wirklich eher die Süddeutsche, als die Illustrierte lesen, drei Mal in der Woche ins Fitnessstudio laufen, um unseren Körper zu optimieren, statt die Tafel Schokolade zu essen, die so zart auf der Zunge schmilzt?
Sollten wir uns soviel um andere kümmern, wenn wir doch eigentlich mal mehr Zeit für uns bräuchten? Sollten wir uns mit der coolen Clique umgeben, bei denen wir aber immer das Gefühl haben uns ganz schön strecken zu müssen, um anerkannt zu werden?

Wieviele Optimierungen vertragen wir, bevor die Diskrepanz zwischen uns selbst und dem Bild, dem wir genügen wollen, was wir kreiert haben, immer größer wird?
Was wenn Identität wirklich ein Unterschied zu dem sein kann, was wir ganz ursprünglich sind.
Das Eine ist erschaffen, das Andere ist gegeben.
Sind beide bei uns deckungsgleich? Und wenn sie es nicht sind, ist das schlimm?

Menschen können und sollen sich verändern.
Entscheidend ist glaube ich der Motor, der hinter einer Veränderung steckt.
Viele von uns sind auf der Suche nach Authentizität – mich oft eingeschlossen.
Das bedeutet doch, dass würde man uns und unsere Identität aufeinander legen, KEINE Deckungsgleichheit entsteht. Genau das ist vermutlich der Moment, an dem wir uns nicht mehr authentisch fühlen.
Vielleicht sind wir irgendwo falsch abgebogen, den falschen Göttern hinterher gelaufen, haben uns einmal zu oft angepasst oder verbogen und stehen dann plötzlich da und es passt irgendwo nicht mehr.
Und ich glaube, dass wenn es nicht passt, und uns dieser Zustand irgendwann bewusst wird, wir anfangen uns unwohl zu fühlen.
Dann entsteht dieses leise Klopfen irgendwo im Körper. Unser Selbst klopft an und will uns mitteilen, dass es mit der Wirklichkeit, die wir geschaffen haben, nicht mehr einverstanden ist.

Hört hin! Ignoriert das nicht!
Was ist es, was ihr wirklich braucht oder wollt? Wie würde es sich richtig anfühlen?
Wenn Eure Identität ins Wanken gerät, dann lasst es zu, sie will Euch vielleicht nur auf etwas hinweisen. Lasst zu, dass sie Risse bekommt und vielleicht sogar einstürzt.
Und wenn ihr den Mut dazu aufgebracht habt, dann setzt die Bausteine neu zusammen. Genau so, wie sie Euch gefallen. Vielleicht muss der ein oder andere auch komplett entsorgt und ein neuer angeschafft werden.
Wir sind alle alt genug, um für das was wir uns erschaffen selbst die Verantwortung zu übernehmen. Uns muss es gefallen, die anderen sind erstmal zweitranging.

Wo fühlt ihr euch als Gäste wohler? In einem liebevoll eingerichteten Zuhause, das vielleicht spleenig und individuell ist oder in einem übergestülpten Designerhome ohne Seele?

Macht euch also keine Sorgen, was die anderen denken, die fühlen sich da wohl, wo Zuhause und Gastgeber, Innen und Außen, Identität und eigenes Selbst deckungsgleich, also authentisch sind!

Optimiert nur das, was ihr wirklich optimieren wollt – für Euch – damit optimieren eben nicht sich verlieren bedeutet!

Es gibt einen Artikel hier im Blog, von meiner lieben Freundin Astrid.
„Auf der Suche nach dem Ich“ geht in eine sehr ähnliche Richtung, und wenn ihr mögt, lest doch da nochmal weiter, wie Astrid das sieht.

Hinterlasse einen Kommentar


*