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Vom Wahnsinn, richtig kommunizieren zu wollen!

April 22, 2015|Posted in: Artikel|By

Wer mich kennt, der weiß, dass ich ein riesen Fan des Autors, Kommunikationswissenschaftlers, Psychotherapeuten, Soziologen und Philosophen Paul Watzlawick bin.
Eines seiner bekannten Zitate lautet: „Man kann nicht nicht kommunizieren“.
Ein Zitat meines, vorallem mir sehr bekannten, Cousins lautet: „Zwischenmenschliche Kommunikation ist purer Zufall!“
Ob er es irgendwo geklaut hat, weiß ich nicht, finden konnte ich im Internet nichts.

Beide haben Recht – was wiederum vorallem meinen Cousin sehr freuen wird!

Kommunikation findet nicht nur verbal statt, sondern auch mit unserer Körperhaltung, mit Blicken und mit Gesten – kurz mit unserem Verhalten – kommunizieren wir.
Und da wir uns nicht NICHT verhalten können, können wir dementsprechend auch nicht NICHT kommunizieren.

Unsere Botschaft, die wir verbal oder nonverbal losschicken, trifft auf verschiedene Empfänger, die diese dann entschlüsseln.
Und da kommt mein Cousin ins Spiel:
Ob die Decodierung der Kommunikationssignale beim Empfänger das ergibt, was ich als Sender losgeschickt habe, ist purer Zufall, ich würde fast so weit gehen zu sagen, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist zu erwarten, dass meine „Nachricht“ zu 100% so entschlüsselt wird, wie ich sie abgesendet habe.

Ein kleines Beispiel:

Ihr habt ein Date mit einem wirklich sehr interessanten und attraktiven Menschen, der Euch schwer begeistert.
Ihr geht nervös zu dem Treffpunkt, weil das ein echtes Knallerdate werden könnte.
Zu früh vor Ort holt ihr euer Smartphone raus, um noch eine Runde zu facebooken, oder Candy Crush zu spielen.
Plötzlich, ihr habt es nicht gemerkt, steht Euer Date in Lebensgröße vor Euch und spricht Euch an.
Ihr seid erschrocken, es fällt Euch nichts passendes und Kluges ein, ihr seid noch mitten in dem Chat, den ihr grade gelesen habt und reagiert deshalb etwas verhalten.
Die ersten Meter des gemeinsamen Weges schaut ihr viel auf den Boden. Eure Witze waren schon mal weniger provokant, ihr schon mal liebenswerter und charmanter, aber eigentlich seid ihr ja nur grade ein wenig überwältigt.

Aus der Sicht Eures Dates.
Von weitem werdet ihr schon erkannt, wie ihr da an der Ecke steht und das Handy in der Hand habt.
„Super, wieder so ein Handyjunkee, der keine zwei Minuten ohne sein Smartphone sein kann. Auf sowas habe ich wirklich gar keine Lust, das hat meine letzte Beziehung schon extrem belastet.
Und was seh‘ ich da auf dem Display? Candy Crush, Facebook, das typische Zeug, was ich so nervig finde!
Das kann ja heiter werden….
HALLO!
Ist ja eine merkwürdige Unterhaltung. Ganz schön provokant und dieser ständige Blick zum Boden. Ich scheine ja nicht sehr interessant zu sein, wenn man sich noch nicht einmal in die Augen schauen kann, beim Unterhalten…
Darauf habe ich wirklich keine Lust, ich glaube, das wird nicht mit uns!“

Der Ausgang eines solchen ersten Aufeinandertreffens ist völlig offen. Vielleicht wird das Ruder durch irgendwas rumgerissen, vielleicht auch nicht.
Es bleibt zu einem nicht unerheblichen Teil ein ZUFALL und hängt immer davon ab, auf welchen Boden unser Kommunikationssignale fallen.
Und dieser Boden wiederum ist die jeweilige subjektive Lebensrealität oder auch nur momentane situative Realität des Menschen, mit dem wir kommunizieren wollen.
Die, wir ahnen es, nicht deckungsgleich mit unserer Realität ist. Das heißt, ein absolutes und in einem übergeordneten Kontext wahres Verständnis füreinander und miteinander, werden wir in der Kommunikation nicht erreichen können.

Es ist also ein Wahnsinn von anderen Menschen zu erwarten, dass sie uns verstehen und wir wiederrum können uns von dem Drang verabschieden andere Menschen immer verstehen zu müssen.
Annähern, empathisch versuchen wahrzunehmen, um was es geht, das bekommen wir hin, aber das absolute Verständnis wird es nicht geben und je mehr uns danach dürstet, umso wahnsinniger werden wir uns und andere mit dieser Sisyphos Arbeit machen.

Kehren wir aber nochmal zu dem Beispiel des Dates zurück.
Wer von Beiden trägt die „Schuld“, dass die Idee TRAUMPAAR vielleicht schon vor dem ersten Kuss gescheitert ist?
Keiner, meine ich.
Denn die Kommunikation zwischen den Beiden ist nicht linear, das heißt, sie hat irgendwo einen Startpunkt und ein Ende, sondern sie ist zirkulär, also ohne sichtbaren Anfangs- und Endpunkt.
Hätten Beide nicht vorher im Leben Erfahrungen gesammelt, Dinge gelernt, ähnliche Situationen erlebt, hätten sie sich nicht verhalten, wie sie es getan haben. Eine Schuldfrage ist also nicht zu klären.
Was bedeutet das nun für uns und unsere kommunikativen Systeme.
Die vielen Diskussionen mit unseren Freunden, Familien, Partnern und Kindern, wer SCHULD an einem Missverständnis oder einem Konflikt hat, sind im wahrsten Sinne des Wortes Wahnsinn, denn jeder wird für sich in Anspruch nehmen, nicht der Auslöser zu sein, denn bevor er sagte oder tat, was er tat, gab es ein anderes Ereignis und davor noch eins, und noch eins, und noch eins, vermutlich rückwirkend bis zum Anbeginn unserer Zeit.

Was machen wir aber nun mit dieser Erkenntnis, sofern ihr sie bis hier hin überhaupt noch mit mir teilen mögt?

Sollen wir aufhören zu kommunizieren, weil es ja ohnehin nur Zufall ist.
Ach halt, aufhören können wir ja auch nicht, denn man kann ja nicht NICHT kommunizieren.

Zwei Sachen können wir meines Erachtens daraus lernen:

1) Halten wir nicht so oft auf Biegen und Brechen daran fest, dass wir im Recht sind.
In welchem „Raum“ sollte sich denn dieses Recht bewegen. In unseren Augen und in unserem Raum können wir zu 100% im Recht sein, aber unser Konfliktpartner steht in einem anderen Raum, in dem unser Recht nicht gilt.
Verwenden wir also weniger Zeit darauf unser Recht im Zwischenmenschlichen durch zu boxen, sondern mehr Zeit darauf, so es denn ein wichtiger Konflikt ist, über Lösungen und Kompromisse zu sprechen.

2) Lernen wir daraus, wenn wir uns, in unseren Augen „korrekt“ verhalten und „richtig“ kommunizieren, aber damit nie, nicht bei dem einen Kommunikationspartner und auch nicht bei dem Anderen, an unser Ziel kommen.
Dann müssen wir in unserem Raum schauen, woran es liegen könnte.
Werden wir zum Beispiel auffällig häufig mit sehr dominanten Kommunikationspartnern „gesegnet“, so kann das Zufall sein, oder wir senden unbewusst irgendwas aus, dass unsere Gesprächspartner dominant darauf reagieren lässt.

Die These ist gewagt ich weiß. Den Beweis bleibe ich schuldig, denn wir können unsere Kommunikationspartner leider nicht in allen ihren Lebenssituationen heimlich beobachten, um zu verifizieren, ob sie nur uns gegenüber diese dominanten oder streitsüchtigen Züge haben oder immer.
Wenn ich Euch fragen würde, ob Person XY wirklich ein dominanter Mensch ist, ob es WAHR ist, im absoluten Sinne, könnt ihr das ehrlicherweise nicht mit JA beantworten, denn ihr kennt nur einen Ausschnitt der Kommunikationsstrategien mit denen Person XY arbeitet.
Vielleicht ist er seiner Tochter, seiner Frau, dem Obdachlosen auf der Straße, seinem Chef gegenüber sehr zurückhaltend und liebevoll.

Was bleibt also, wenn wir die Finger aus der Wahrheit der anderen Menschen lassen müssen?

Wir müssen uns um uns kümmern, denn wir sind ohnehin die Einzigen, die wir beeinflussen können.

Wenn ihr also das nächste Mal ein wiederkehrendes Kommunikationsproblem habt, hört auf Recht oder Verständnis haben zu wollen und macht stattdessen mal irgendwas ganz anders, um Euer kommunikatives Muster zu durchbrechen.

Wenn ihr nervös auf Euer Date wartet, holt ein Buch aus der Tasche.
Wenn die Gespräche mit dem Chef immer unschön für Euch ausgehen, bringt ihm einen Kaffee mit und kommt in Frieden und wenn es jedes Mal Streit gibt, wenn ihr zur Türe herein kommt, betretet die Wohnung rückwärts (ich glaube das war ein Tipp des Therapeuten Steve de Shazer für ein ständig streitendes Ehepaar).

Habt viel Spaß beim Kommunizieren und lasst den Wahnsinn Wahnsinn sein.

Eure Susanne Henkel
www.talkabout-coaching.de

PS. Und einen lieben Gruß an meinen wahnsinnig unterhaltsamen und sehr lustig kommunizierenden Cousin.
Schön, dass es Dich gibt!

4 Comments

  1. Frank H. Sauer
    24. April 2015

    Leave a Reply

    Ja, ja. Recht hast Du. Wegen gleicher Erkenntnis habe ich mal eine Postkarte anfertigen lassen – als Denkschrift und Mahnmal 😉

    Text/Spruch:
    „Nichts ist einfacher als in der Kommunikation zu scheitern. ICH UNIKAT.“

    Link zur Postkarte mit Beschreibung:
    http://www.sauercoaching.de/postkarten/nichts-ist-einfacher-als-in-der-kommunikation-zu-scheitern/

    Liebe Grüße
    Frank

  2. susanne
    28. April 2015

    Leave a Reply

    Lieber Frank,

    sehr schöne Postkarte – gefällt mir gut!!!
    Und so wahr ;-)!!!.

    Was bleibt uns also, als über uns UNIKATE ein wenig mit Humor zu urteilen, und uns und andere, bzw. die Diskrepanzen zwischen uns und anderen, nicht ganz so ernst zu nehmen.

    Lieben Gruß, Susanne

  3. Patrick
    12. Juli 2015

    Leave a Reply

    Das klingt wirklich sehr effizient! Sollte man mal ausprobiert haben.

    • susanne
      13. Juli 2015

      Hallo Patrick,

      ja, der Versuch lohnt sich :-).
      Und es macht einfach ein wenig gelassener, was für jegliche Kommunikation ja nur von Vorteil sein kann ;-)!

      Liebe Grüße, Susanne

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