Ich liebe Dich!

Juli 24, 2015|Posted in: Artikel|By

„Ich liebe Dich!“
Was meinen wir damit eigentlich?
Können wir uns sicher sein, dass wir immer von dem Gleichen reden, wenn wir uns gegenseitig sagen, dass wir uns lieben?

Manchmal streiten wir ja sogar schon darüber, was beige eigentlich für eine Farbe ist, denn plötzlich zeigt jemand auf ein Kleidungsstück und sagt, dass ist beige, und wir denken uns, naja, eigentlich ist das ja braun.

Wenn wir uns bei etwas vermeintlich Offensichtlichem, wie einer Farbe schon schwer tun, sie in identischer Weise wahrzunehmen oder zu interpretieren, wie schwierig wird es dann erst bei einem Begriff wie „Liebe“.

Jeder von uns hat eine Vorstellung davon, was man unter Liebe versteht, aber vielleicht gibt es so viele unterschiedliche Deutungen davon, wie es Menschen gibt.

Und dann sagen wir jemandem, dass wir ihn lieben, und im Idealfall bekommen wir zur Antwort: „Ich dich auch!“.
Die Welt scheint in Ordnung, solange bis wir uns wundern, warum dieser Mensch vielleicht Dinge tut, die uns irritieren, stören und verletzen.

Das Dilemma beginnt, denn man denkt sich: „Wenn er oder sie mich lieben würde, dann würde er oder sie das doch nicht tun!“
Um eine Chance hinaus aus diesem Teufelskreis zu haben, müssen wir uns zunächst eine entscheidende Frage stellen:

Ist Liebe eigentlich ein Gefühl oder ein Bedürfnis?

Klingt nach einer fast unscheinbaren Frage, aber wenn man sich damit ein wenig intensiver beschäftigt, bleibt sie keinesfalls unbedeutend.

Goethe hat mal geschrieben: „Und wenn ich dich lieb habe, was geht’s dich an?“

Solange Liebe nur ein Gefühl ist, können wir lieben ohne bestimmte Bedürfnisse daran zu koppeln.
Ja wir könnten sogar lieben, ohne dass es wichtig wäre, was zurück kommt.

Irgendwann wollen wir aber normalerweise etwas zurück bekommen.
Wir fragen: „Liebst Du mich?“ und eine enorme Erwartungshaltung entsteht, denn ab dem Moment bleibt die Liebe nicht mehr einzig ein Gefühl, sondern sie wird zu einem Bedürfnis.

Wir wollen zurück geliebt werden und haben sehr genaue Vorstellungen davon, wie wir uns denn eine Realität nach einem: „Ja, ich liebe Dich!“ vorstellen.
Unser Partner hat auch sehr genaue Vorstellungen davon, was er von uns erwartet, nachdem wir ihm gesagt haben, dass wir ihn lieben und er weiß für sich auch, wie er sein „Zurücklieben“ zeigen möchte.

Da wir aber schon die Farbe „beige“ individuell verschieden wahrnehmen und beschreiben, können wir uns sicher sein, dass wir, was unsere Bedürfnisse in Sachen Liebe angeht, ebenfalls sehr unterschiedliche Sprachen sprechen – alles andere wäre auch zu einfach.

So unterschiedlich wie wir unsere Liebe zeigen (Zärtlichkeit, Fürsorge, Zuverlässigkeit, Komplimente, Hilfsbereitschaft), so verschieden erkennen wir auch Liebesbekundungen an.

Kommen wir an diesen Punkt, wird uns schon ein großes Problem bewusst und wir können Wege suchen, um uns miteinander besser zu verstehen.

Leider gibt es davor aber ein massives Problem. Wir verharren allzu häufig in der Annahme, dass unser Partner doch schon wissen muss, was er tun kann, um uns seine Liebe zu zeigen, denn wir gehen davon aus, dass unsere Sicht der Dinge allgemeingültig ist.

Ist sie nicht!

In dem Buch „Die fünf Sprachen der Liebe“ von Gary Chapman wird von fünf Typen mit ihren jeweiligen „Beziehungssprachen“ gesprochen. Ich persönlich glaube es gibt noch weitaus mehr, was die Sache aber nicht einfacher macht!
Unter „Beziehungssprache“ versteht Chapman den stärksten und individiuellen Antreiber eines Menschen, um Liebe zu zeigen und was er braucht, um sich selbst geliebt zu fühlen.

Liebe kann gezeigt werden durch:

  • Lob und Anerkennung
  • Zweisamkeit
  • Geschenke, die von Herzen kommen
  • Hilfsbereitschaft
  • Zärtlichkeit

Natürlich haben wir immer von allem etwas in unserem Repertoire, aber meistens tendieren wir stark zu einer dieser Sprachen.

Wenn wir zum Beispiel zwei Partner haben, von denen einer eher die Zärtlichkeitssprache spricht, dass heißt, für ihn sind Berührungen, Küsse, Händchenhalten in der Öffentlichkeit, Sex und Umarmungen ein tiefer Ausdruck seiner Zuneigung, und er bringt es auch so oft wie möglich an, und der Andere spricht eher die Sprache der Hilfsbereitschaft, d.h. er ist mit großem und auch kleinem Einsatz jederzeit bereit, seinem Partner zur Seite zu stehen, dann wird es Situationen geben, in denen Beide sich mit ziemlichem Unverständnis gegenüberstehen und ihr Bedürfnis nach Liebe nicht befriedigt sehen.

Das Unverständnis macht dann früher oder später meistens noch einen weiteren brutalen Schritt, denn irgendwann unterstellen wir unserem Partner, er würde uns nicht lieben, allein weil wir seine Sprache nicht verstehen.

Wie oft haben wir schon gedacht:

„Er kennt mich doch, er muss doch wissen, was mir wichtig ist!“

Ehrlicherweise haben wir uns nach einem solchen Gedanken vermutlich selten selbst dafür geohrfeigt und uns widersprochen und gesagt: „Ich kenne mich ja selbst nicht so genau und kann gar nicht exakt artikulieren, was ich eigentlich will, wie kann er es wissen!“ Oder: „Weiß ich eigentlich, was er sich von mir wünscht, vielleicht hat er andere Parameter für Liebe?“

Ja gut, wir haben ihm hier und da schon vorgeworfen: „Wenn Du mich lieben würdest, dann würdest Du mir mehr Aufmerksamkeit schenken, mir hier und da mal Blumen mitbringen, mich auch mal in den Arm nehmen oder würdest im Kreise unserer Freunde sagen, was ich eigentlich für ein toller Mensch bin! Außerdem würdest Du meine Whats App beantworten, wenn Du sie gelesen hast!“

Wir machen einen Vorwurf und erwarten, dass das Blatt sich dadurch sofort wendet, dass unser Gegenüber mit einem Herzen voller Liebe darauf reagiert und sein Verhalten ändert, und dass das Pferd und der Sonnenuntergang schon in greifbarer Nähe sind, so dass wir nur noch Händchen haltend hineinreiten müssen.

Und ganz ehrlich?
Wie oft habt ihr schon Euer Verhalten verändert, nachdem Euch jemand angegriffen und Euch Vorwürfe gemacht hat?
Ich gestehe, ich tue das äußerst selten, weil ich auf eine derart aggressive Forderung eher unentspannt reagiere, vor allem wenn ich mir, denke: „Hey, ich mache soviele (andere) Dinge für Dich, die Du offensichtlich überhaupt nicht zur Kenntnis nimmst!“

Ein echtes Dilemma kündigt sich an, denn jeder fühlt sich ungerecht behandelt und missverstanden und irgendwann, wenn unsere Bedürfnisse in der Liebe nicht befriedigt werden, gehen wir an das Gefühl zurück und fangen an es in Frage zu stellen.

Ganz bewusst habe ich von einer aggressiven Forderung gesprochen, auch wenn man sich dazu nicht die Boxhandschuhe anzieht und in den Ring steigt, denn es gilt ein Kommunikationsmodell zu erklären, was uns helfen kann, ein solches Muster zu durchbrechen .
Ob in der Liebe oder an einer anderen Stelle unserer zwischenmenschlichen Kommunikation ist unbedeutend, wir können es für die verschiedensten Situationen nutzen.

Der Begriff ist gewöhnungsbedürftig, denn es nennt sich „Gewaltfreie Kommunikation (GFK)“ und wurde von dem US Psychologen Marshall Rosenberg entwickelt.
Damit ist nicht gemeint, dass wir aufhören uns körperlich aggressiv zu verständigen, sondern dass wir von Forderungen Abstand nehmen, um nicht mit verbaler Gewalt jemanden unter Druck zu setzen.

Fragt Euch kritisch, wie ihr auf Sätze reagiert wie:

„Ich fühle mich provoziert, weil Du immer wieder…“
„Wenn Du nicht beim nächsten Mal, dann…“
„Du bist so egoistisch und lieblos mir gegenüber..“
„Es ist unglaublich, dass Du immer noch nicht verstanden hast, dass…“

Hierbei gibt es keine Schläge auf körperlicher Ebene, aber sehr wohl kommunikative Schläge weit unterhalb der Gürtellinie.

Sind wir mal ehrlich, grundsätzlich haben wir keinerlei Recht, von anderen Menschen die Erfüllung unserer Bedürfnisse zu fordern.
Dem Einzigen, dem gegenüber wir Forderungen stellen können, ist uns selbst.

Andere Menschen können wir nur um etwas bitten.
Und, auch wenn wir das gerne vergessen, jede Bitte ist nur solange eine Bitte, solange wir auch tolerieren können, dass sie abgelehnt wird.
Können wir das nicht akzeptieren, ist es eine Forderung im Gewand einer Bitte.

Was machen wir jetzt mit unserem Übersetzungs- und Sprachchaos innerhalb der Liebe?
Wir könnten anfangen gewaltfrei zu kommunizieren.

Die GFK funktioniert in vier Schritten.
Vereinfacht geht das so (geübt werden sollte es aber unter Anleitung, denn das ist effektiver):

  • Wiedergeben einer Beobachtung (ohne Bewertung oder Interpretation)
  • Schilderung eines Gefühls (die Beobachtung löst ein Gefühl aus)
  • Erklären des eigenen Bedürfnisses (das Bedürfnis steht in Zusammenhang mit dem Gefühl)
  • Äußerung einer Bitte (eine Bitte ist eine konkret erfüllbare Handlung im Hier und Jetzt und kein vager Wunsch, dessen Erfüllung schwieriger messbar ist, wie z.B. „sei fürsorglicher“)

Marshall Rosenberg beschreibt die Kette wie folgt:

„Wenn ich a sehe, dann fühle ich b, weil ich c brauche. Deshalb möchte ich jetzt gerne d.“

Ein Beispiel:

Ein Paar, er ist viel beruflich unterwegs, sie schmeißt Haushalt und Kinder, es bleibt wenig Zeit für Zweisamkeit. Sonntags werden die Kinder oft von den Großeltern abgeholt, dass Paar hat dann bei einem gemeinsamen und entspannten Frühstück Zeit für sich. Er liest dabei in letzter Zeit gerne Zeitung, weil er unter der Woche nicht mehr dazu kommt und dabei sehr gut entspannen kann.
Sie fühlt sich dadurch in der knappen gemeinsamen Zeit beschnitten und links liegen gelassen.

Eine häufige Reaktion wäre:
„Muss das sein, dass Du mir mit der Zeitung gegenübersitzt? Ich habe ja gar nichts mehr von Dir und unterhalten können wir uns so auch nicht mehr.“
Sie denkt dabei vermutlich aber sogar noch schlimmer Sachen wie: „Wie unsensibel er doch ist. Vermisst er die Zeit mit mir gar nicht. Will er sich nicht mehr mit mir unterhalten und versteckt sich deshalb hinter seiner Zeitung? Unsere Liebe muss ganz schön abgekühlt sein, wenn er lieber liest, als sich mit mir zu beschäftigen“

Er denkt: „Nicht einmal in Ruhe Zeitung lesen kann ich an einem Sonntag. Ständig will irgendjemand etwas von mir. Nie habe ich mal Zeit, um für mich zu entspannen.“

Würde man das Thema im Sinne der GFK ansprechen, könnte das wie folgt passieren:

Ihre Beobachtung: „Mir ist in den letzten Wochen aufgefallen, dass Du gerne Deine Zeitung beim Frühstück liest.“
Seine Reaktion: „Das stimmt. Seit einiger Zeit komme ich unter der Woche nicht mehr dazu.“

Ihr Gefühl: „Mich beunruhigt das…“
Ihr Bedürfnis: „da ich das Bedürfnis habe, Sonntags Zeit nur mit Dir zu verbringen und mich mit Dir auszutauschen, da wir sonst nur so wenig Zeit für uns haben.“
Seine Reaktion: „Du machst Dir Sorgen, dass…“
Seine Reaktion: „…uns von unserer knappen Zeit noch etwas verloren geht?“

Ihre Bitte: „Sage mir bitte, ob Du Dir vorstellen könntest, für Deine Zeitungslektüre ein anderes Zeitfenster zu finden, oder mit mir gemeinsam einen Weg zu finden, wie wir unser beider Bedürfnisse unter einen Hut bringen können.“
Seine Reaktion: „Du wünschst Dir, dass wir wieder mehr miteinander reden und ich meine Zeitung vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt lese. Vielleicht, dass wir eine konkrete Absprache treffen?“

Der Mensch an sich ist hilfsbereit und wird einer offenen Bitte immer aufgeschlossener gegenüberstehen, als einer Forderung.
Es klingt also alles gar nicht so kompliziert und im Prinzip ist es das auch nicht, wenn man bereit ist, sich mit den eigenen Bedürfnissen zu beschäftigen und diese auch zu äußern, anstatt die Verantwortung auf das Gegenüber zu übertragen:
„Du solltest, um mich glücklich zu machen…“
„Würdest Du nicht, könnte ich…“
„Wenn Dir etwas an mir läge, würdest Du doch…“

steht in einem krassen Gegensatz zu:
„Ich brauche Aufmerksamkeit von Dir, um mich sicher zu fühlen.“
„Ich kann in einem ordentlichen Umfeld besser entspannen, als im Chaos, was können wir tun?“
„Ich habe das Bedürfnis immer 110% abzuliefern und kann mit 80% nur schlecht umgehen. Könnten wir bitte….“

Wir empfinden Glück und Zufriedenheit, wenn unsere Bedürfnisse befriedigt werden.
Dauerhaft mit unerfüllten Bedürfnissen zu leben, macht uns dagegen krank und unzufrieden.
Wir MÜSSEN aber die Verantwortung für unsere Bedürfnisse selbst übernehmen. Zumindest müssen wir sie ergründen und artikulieren.
Von anderen Menschen die hellseherische Erfüllung unserer Bedürfnisse zu fordern ist realistisch betrachtet Wahnsinn. Sie dann noch dafür verantwortlich zu machen, wenn sie das nicht leisten können, ist unfair.

Die ersten Grenzen erreicht die GFK da, wo die Bedürfnisse stellvertretend für tieferliegende Ängste, die aus der persönlichen Entwicklung des jeweiligen Menschen entstanden sind, resultieren.

In einem solchen Fall liegen die Schwierigkeiten zu Einen darin, sich seiner Bedürfnisse erst einmal bewusst zu werden und im nächsten Schritt zu ergründen, was dahinter liegt:
Bedürfnis nach Aufmerksamkeit – Angst Übersehen zu werden
Bedürfnis nach Komplimenten – sich selbst nicht annehmen und wertschätzen zu können
Bedürfnis nach kleinen Geschenken – Gelernt zu haben, dass man Liebe materiell aufwiegen kann etc..

In einem solchen Fall braucht es vorallem Zeit, Übung und ganz viel Mut, um sich einem anderen Menschen auf eine so ehrliche Art zu offenbaren und seine persönlichen Muster zu ergründen.

Das funktioniert nur, wenn das Gegenüber geduldig und wertschätzend reagiert und man eventuell Hilfe beim Erlernen der Technik in Anspruch nimmt, um den Prozess, in dem einer mühsam versucht sich zu öffnen, nicht torpediert indem man ungeduldig oder gereizt reagiert.

Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich es nur sehr empfehlen sich mal im „gewaltfrei kommunizieren“ zu üben und diese Variante des Austauschs zu erlernen, um vorallem in Konfliktsituationen ein Werkzeug zu haben, mit dem man Konflikte lösen und nicht nur verschärfen kann.

Darüber hinaus drückt man in dieser „friedvollen“ Art der Kommunikation einen tiefen Respekt für sein Gegenüber aus, was doch auch mal eine Abwechslung sein könnte, die wesentlich zielführender ist, als der althergebrachte Wunsch, als Sieger den Platz des Konfliktes zu verlassen.
Wenn es um Siegen und Verlieren geht, ist es bereits beschlossene Sache, dass es nur Verlierer geben wird.

Wem das jetzt alles zu „theoretisch“ war, der kann sich einen kurzen und sehr unterhaltsamen Film von Marshall Rosenberg zu diesem Thema ansehen.

„Liebst du mich?“, fragt der Wolf die Giraffe…

Viel Spaß beim Anschauen und gerne könnt ihr euch mit Fragen zu dem Thema an mich wenden.

Susanne Henkel

Talk about! Coaching

 

 

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