Namaste! Oder „Tach auch“

Februar 24, 2014|Posted in: Artikel|By

Übersetzung: Das Göttliche in mir, ehrt das Göttliche in Dir.
Laut Deepak Chopra macht dieser Gruß die folgende Aussage: „Ich ehre in dir den göttlichen Geist, den ich auch in mir selbst ehre – und ich weiß, dass wir somit eins sind.“

Das Göttliche in mir und das Göttliche in Dir? Also ich sage immer nur Hallo oder Guten Tag und grüße nichts, was ich nicht sehen kann und was sich vielleicht noch auf irgendeiner anderen Ebene in mir oder meinem Gegenüber verbirgt.

Schlimm?

Eher nicht denke ich, denn ich muss mir ja überhaupt erst einmal darüber klar werden, was denn das Göttliche in Dir oder mir sein könnte.

Ok, jetzt hab ich vielleicht ein bisschen Vorsprung gegenüber den Atheisten, Agnostikern und Eso-Verweigerern, da ich mich mit der Existenz von etwas Göttlichem um uns herum bereits ganz gut angefreundet habe, trotzdem stelle ich es mir schwierig vor, das Göttliche in all den Vollpfosten, Höflichkeitsverweigerern, Lästerjüngern, Freundlichkeitsfastern, Schnickern, Kackbratzen, Besen, Vollzeit-Tussi‘s und Arschkrampen zu erkennen, die mir tagtäglich begegnen und bei denen mir ein „Tach“ manchmal schon schwer fällt.

Ein echtes Highlight ist es für mich zum Beispiel, wenn ich meine verbohrten, naziesken, spaßfreien Nachbarn treffe, deren einziges Vergnügen es zu sein scheint, mir ganz subtil zu vermitteln, dass sie mich für eine unfassbar unmögliche Person halten.
In diesen speziellen Momenten sehe ich nichts, aber auch gar nichts Göttliches, und zwar vorallem nicht in ihnen.

Also „Tach“ oder? Mehr geht nicht!

Mich selbst halte ich eigentlich für ganz gelungen. Egal ob aus göttlichen oder evolutionären Gründen, irgendwie denke ich, dass dieses Projekt ein ganz Vertretbares und gut Konzipiertes ist.

Was macht mich aber jetzt so besonders, im Vergleich zu denen, die ich gerne verurteile?

Wenn meine Eltern mich anschauen, sind sie voller Liebe und Stolz, dass sie mir das Leben geschenkt haben.
Wenn jemand von denen, die ich als Schnicker oder Besen im Geiste beschimpfe, von seinen Eltern angeschaut wird, ist da die gleiche Liebe und der gleiche Stolz.

Wenn ich eines Tages sterbe, werden Menschen an meinem Grab stehen, denen ich etwas bedeutet habe, und die um mich weinen.
Am Grab meiner Nachbarn werden auch Menschen stehen, denen der Abschied schwer fällt und der sie weinen lässt.

Was uns alle vereint, ist die Liebe. Wir lieben und wir werden geliebt, und vielleicht ist das der kleinste gemeinsame Nenner auf den wir uns einigen können, wenn es darum geht uns gegenseitig zu respektieren und zu ehren.

Wie kann ich jemanden hassen oder verurteilen, der zumindest von irgendwem geliebt wird und selbst in der Lage ist irgendjemanden zu lieben?

Es geht hierbei nicht darum, der Freund von Jedermann zu sein. Wir Menschen sind unterschiedlich. Wir mögen uns, und manchmal können wir auch überhaupt nichts miteinander anfangen. Wir werden unterschiedlich erzogen, ausgebildet, glauben an unterschiedliche Götter, leben in sich komplett unterscheidenden Gesellschaften, manche von uns geraten auf die schiefe Bahn, aber wir alle wissen irgendwo in uns drin, was Liebe ist.

Wir sind in dem Punkt alle aus dem gleichen Holz geschnitzt.
Vielleicht gibt es irgendwo Einen, wie den Tischlermeister Antonio, der uns alle geschnitzt hat, wie einst seinen Pinocchio.
Eine „Armee“ von Pinocchios, die alle unterschiedliche Stärken und Schwächen ausbilden, aber am Ende alle aus Holz sind, und sich über diese Eigenschaft immer wieder als Kollektiv miteinander verbünden können.
Holzscheit an Holzscheit, oder Seele an Seele.

Wenn mir das nächste Mal jemand richtig blöd kommt, wenn meine Frau Nachbarin vor mir steht und keift, wenn mich diese Vollzeit-Tussi mit ihren doofen Fragen in die Weißglut treibt, wenn ich ungerecht werde und jemanden verurteile, aber auch wenn jemand ein großes Unrecht begangen hat, werde ich die Augen schließen, vielleicht nur für den Bruchteil einer Sekunde, und meine Lippen werden ein stummes NAMASTE formen.

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