„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“!*

August 24, 2015|Posted in: Artikel|By

Der gegenwärtige Umgang mit Flüchtlingen in Europa wirft die dringende Frage auf, ob Bertold Brecht mit seinem Menschenbild Recht hatte.
Ist der Mensch ein Wolf unter Wölfen, der erst dann zu Empathie, Hilfsbereitschaft, Aufopferung und Nachsicht bereit ist, wenn er satt in jeglichem Sinne ist?

Wahrscheinlich sind die Steinewerfer von Heidenau und Freital und die Wutbürger im ganzen Land nicht satt! Sie leben in einem Mangel.
Einem Mangel an Bildung, Charakter, Arbeit, gefestigten sozialen Strukturen, Liebe und Freundschaft.
Oder wie die Ärzte schon sangen: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit…“

Ja, wir stehen vor einer „Überfremdung“, was aber mit Verlaub auch daran liegt, dass wir selbst nicht genug Kinder bekommen.
Und wie es in der Evolution so üblich ist, wird verdrängt, was nicht stark genug ist und nicht genug Lebensraum belegt.
Aber, wenn wir mal das loslassen, was wir an Grenzen, Rassen und Nationalitäten im Kopf haben und globaler denken, was ist daran so schlimm?
Statt krampfhaft beschützen zu wollen, was wir für unsere Kultur halten, müssen wir endlich Weltbürger werden, die nicht Teile des Planeten zur alleinigen Nutzung beanspruchen, nur weil es da grade gut läuft, während andere Teile der Welt im Chaos versinken.
Darüber hinaus kann der Begriff „Überfremdung“ nur solange Angst machen und überhaupt existieren, so lange wir Menschen in Fremde und Nicht-Fremde einteilen.
Ohne die Kategorie „Fremder“, kämen nur Menschen zu uns, die wir nicht fürchten müssten.

Grenzen, Besitz, nationale Identität ist irgendwie nicht mehr so ganz zeitgemäß und wird kein Konzept sein, womit wir den Erhalt unseres Lebensraumes, ja unseres Planeten sichern können, vorallem dann nicht, wenn wir wieder anfangen die Grenzen nach außen zu verteidigen.
Der Planet wird sich mischen – und das ist nicht aufzuhalten, da die Überwindung der Distanzen zwischen den Kontinenten kein Problem mehr darstellt.

Menschen müssen anfangen über sich hinaus zu wachsen und sich für die Welt und die Veränderungen zu öffnen.
Veränderungen sind eine gute Sache, solange man die Flexibilität hat, mit ihnen umgehen zu können.

Eine Erkenntnis, die übrigens schon vor einigen Jahrhunderten in Europa populär war, nämlich zu Zeiten der Aufklärung (von ca. 1650 – 1800)
Hier zog man in Europa die Vernunft des Menschen im Kampf gegen Vorurteile zu Rate, wendete sich den Naturwissenschaften zu, plädierte für religiöse Toleranz und setzte sich für mehr persönliche Handlungsfreiheit , Bürgerrechte und allgemeine Menschenrechte ein.
Ein großen Denker und Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, beschäftigte sich in seinem „Definitivartikel zum ewigen Frieden“ schon mit Fragen, die heute mehr als aktuell sind.

Sucht man bei ihm nach einer Antwort auf die Frage, wem eigentlich die Welt gehört, wer hier in welcher Region welche Rechte hat – eine Frage, die wir uns alle in diesen Tagen stellen sollten – so würde Kant uns Folgendes sagen:

„Es ist kein Gastrecht…, sondern ein Besuchsrecht, welches allen Menschen zusteht…
…des Rechts des gemeinschaftlichen Besitzes der Oberfläche der Erde, auf der, als Kugelfläche, sie sich nicht ins Unendliche zerstreuen können, sondern endlich sich doch nebeneinander dulden müssen, ursprünglich aber niemand an einem Orte der Erde zu sein, mehr Recht hat, als der andere“
Immanuel Kant, Dritter Definitivartikel zum ewigen Frieden

Vielleicht lassen wir uns das alle mal auf der Zunge zergehen.
Was wenn wir uns tatsächlich mal im Kopf von unseren Nationalitäten, Grenzen und Eroberungen verabschieden würden und dem Gedanken Raum gäben, dass die Erde nichts ist, was man besitzen kann, sind wir doch selbst nur geduldet.

Aber damit kämen wir wieder zu der Frage, wie der Mensch eigentlich ist und welches Menschenbild uns am Ehesten beschreibt.
Sind wir mitfühlende Wesen oder sind wir egoistisch und selbstbezogen?

Oder ist das, was den Wutbürger und den Steinewerfer antreibt tatsächlich nur die Angst, etwas hergeben oder abgeben zu müssen.
Was veranlasst einen Menschen sich in menschenverachtender Weise über andere Menschen zu äußern, die aus Angst und Verzweiflung flüchten müssen.
Es geht mir hier auch gar nicht um eine Unterscheidung zwischen „echten“ und Wirtschaftsflüchtlingen, denn ich traue mir kein Urteil zu, wann Flucht gerechtfertigt ist und wann nicht.
Es sollte ein universelles Menschenrecht sein, dort zu leben wo man möchte und vorallem so zu leben, wie man es sich wünscht.
Ich bin auch mal aus der DDR geflohen. Und zwar nur, weil meine Mutter glaubte ich hätte bessere Zukunftschancen in der BRD. Wir mussten kein Hunger leiden, wurden nicht bedroht, nur ein kleines bisschen politisch verfolgt, wir konnten uns (fast) frei bewegen, kurz – im Vergleich zu dem was Menschen im Irak, in Syrien oder auf dem Balkan passiert, hatten wir es gar nicht so schlecht.

Aber wir sind geflohen, weil wir uns ein besseres Leben erhofft habe.
Und wir hatten Recht, wir haben es bekommen.

Ich habe keine Pauschallösung für das Problem, zumal es bei vielen Menschen auch die Angst vor dem Islam und somit der kulturellen Annektierung sein wird, der ich wenig entgegen zu setzen habe, solange der Islam Auswüchse wie den IS in den eigenen Reihen toleriert und sich nicht endlich als Weltreligion von Al Qaida, IS etc. distanziert und als Gemeinschaft der Gläubigen dagegen vorgeht und unter Beweis stellt, dass Gewalt im Islam keinen Platz hat!

Aber unabhängig von diesem Einschub, um hinter die Ängste der Flüchtlingsgegner zu kommen, sollte sich jeder, der sagt:

„Ich habe ja nix gegen Flüchtlinge, aber…“ und erst recht jeder, der gegen Flüchtlinge auf die Straße geht und aktiv wird, die Frage stellen, was er für ein Mensch sein möchte.
Der aus Brechts Dreigroschenoper, der der Moral erst dann Platz lässt, wenn seine eigenen Bedürfnisse befriedigt sind, oder der, der auch mit hungrigem Magen in der Lage wäre zu helfen, weil wir ALLE Menschen auf dieser Erde sind und derzeit einfach mehr Glück haben, in eine Region geboren zu sein, in der es sich zur Zeit ganz gut leben lässt.

Vergesst nicht, dass niemand „an einem Orte der Erde zu sein, mehr Recht hat, als der andere“.

Vielleicht kommt bald jemand, der fordert, dass es gerecht wäre, wenn man einfach alle Menschen aus Deutschland mal nach Syrien umsiedeln würde, und dafür verfolgte Syrer hier ansiedelt.
Warum? Weil wir, ich in meinem Fall konkret seit 38 Jahren, das Glück haben, durch Zufall hier ein ganz unbehelligtes Leben zu leben, während andere unter großem Leid leben.

Überall sonst versuchen wir doch auch Ressourcen gerecht aufzuteilen, oder?
Eine Freundin war kürzlich mit einer anderen Freundin in einem Ferienhaus im Urlaub.
In dem einen Schlafzimmer stand ein 90 Zentimeter Bett und in dem anderen ein Bett mit 1,80 Metern Breite.
Es war ungerecht, dass Eine den ganzen Urlaub in dem kleinen Bett verbringen sollte, also wechselten sie sich jede Nacht ab.

Es ist genauso ungerecht, dass wir hier im Wohlstand leben und woanders Kinder verhungern.
Wenn wir schon nicht bereit sind zu tauschen, so sollten wir doch alles was in unserer Macht steht tun, um zu helfen.

Ein etwas plattes Beispiel mit dem Ferienhaus?
Ja! Weil es nichts Existenzielles ist, jede zweite Nach in einem zu kleinen Bett zu schlafen. Das verlangt uns nicht viel ab und ist lächerlich gemessen an dem, was wir vielleicht opfern müssten, um Flüchtlingen zu helfen.
Aber wenn ihr den Vergleich zwischen dem Bett und existenzieller Hilfe als lächerlich empfindet, dann sagt das viel über das Verhältnis zum Fressen und zur Moral aus!

Ich wünsche mir von „meinem“ Deutschland, dass die Anzahl der mitfühlenden, liebevollen und hilfsbereiten Menschen ungleich größer ist, als die Anzahl derer, die aus Angst und Verblendung fatal falsch, kriminell, verwerflich und brutal reagieren.

Seid ihr einfach froh, dass ihr hier sein dürft und nicht zu den strengsten Eltern der Welt nach Syrien geschickt werden könnt.
Legt die Steine und die Hassparolen zur Seite und betet dankbar, dass das Schicksal es grade mit Euch so gut meinte, Euch hier aufwachsen zu lassen, auch wenn ihr nicht fleißig genug wart, um die Schule zu Ende zu machen und jetzt von Hartz IV leben müsst.
Seit dankbar, dass es euch in eurer Mittelmäßigkeit noch tausendmal besser geht, als denen, die mit ihren Kindern in einem Schlauchboot Platz nehmen müssen, um zu flüchten.
Seid auch froh, dass ihr irgendwie in christlicher Tradition aufgewachsen seid, auch wenn ihr den Inhalt der 10 Gebote noch nie aufsagen konntet und eine Kirche auch noch nie von innen gesehen habt, wir aber die schlimmsten Zeiten der Kirche hinter uns gelassen haben und Ausbeutung und Unterdrückung im Namen des Herren derzeit keine Themen bei uns sind.
Schätzt hoch, dass wir eine Verfassung haben, die mit dem Grundgesetzt regelt, dass ihr eine eigene Meinung haben und diese auch laut sagen dürft.
Auch wenn ihr mit dem was ihr derzeit zu Eurer Meinung gemacht habt, einem kolossalen Missverständnis erlegen seid, was aber mit Eurem Mangel an Bildung und Weitblick zu erklären ist.

Kurz seid einfach froh, dass es euch geht, wie es euch eben geht, aber seid wenigstens clever genug, um zu erkennen, dass Angst und Hass ganz schlechte Berater sind!

Susanne Henkel, Coach bei Talk about! Coaching

*Bertold Brecht, Dreigroschenoper

Eine Aktion von Blogger für Flüchtlinge
#bloggerfuerfluechtlinge

Wer spenden möchte kann sich hier informieren:
Blogger für Flüchtlinge oder direkt zur Spendenaktion

2 Comments

  1. Martina Iman Dahmani
    24. August 2015

    Leave a Reply

    Hallo liebe Susanne, bis auf den Passus über den Islam ein sehr guter und sinnhafter Artikel. Leider werden ihn wahrscheinlich wieder nur die lesen die auch vorher schon Deiner Meinung waren
    P. S. Den Islam als Weltgenemeinschaft – wie z. B. bei den Katholiken gibt es nicht. Er kann sich also auch nicht distanzieren. Das IS und Konsorten zwar den Islam als Begründung für ihr Tun vorschieben, ändert nichts daran, dass die ABSOLUT nichts mit dem Islam zu tun hat. Dies wird unermüdlich von vielen Moslems betont, geschrieben, sich distanziert, aber es scheint nicht anzukommen und es scheint auch nie genug zu sein.

  2. susanne
    24. August 2015

    Leave a Reply

    Liebe Martina,
    vielen Dank für deinen Kommentar.
    Ja, wahrscheinlich hast du Recht, die die es lesen sollten werden es vermutlich nicht lesen. Nichtsdestotrotz war es mir ein Bedürfnis das mal los zu werden und vielleicht erreicht es ja über Umwege doch den ein oder anderen der gerade etwas verunsichert in dem ist, was er denken soll.

    Das es die Weltgemeinschaft der Moslems nicht gibt, ist klar! Ich habe aber auch davon geschrieben, dass der Islam als Weltreligion Position beziehen muss. Das ist denke ich etwas, was durchaus möglich ist. Ich halte den Islam als Religion auch nicht für beängstigend oder kriegerisch, sondern für genauso friedlich, wie es auch das Christentum (heute) ist. Schließlich ist alles auch immer eine Auslegungssache und wird genauso gelebt, wie die Gläubigen es eben interpretieren.
    Es gab ja im letzten Jahr schon einmal eine Erklärung verschiedener islamischer geistiger Führer, die die Greueltaten des IS verurteilt haben. So etwas müsste viel mehr zur Selbstverständlichkeit gehören.
    Hier besteht in jedem Fall dringender Handlungsbedarf, zum Beispiel seitens des Zentralrates der Muslime!

    http://www.presseportal.de/pm/51548/2828276

    Aber der Artikel soll nicht unbedingt Grundlage für eine Diskussion pro oder contra Islam werden, denn das ist eine ganz neue und andere Diskussion, die hier den Rahmen sprengen würde!
    Einen lieben Gruß unbekannterweise und einen schönen Abend für Dich, Susanne

Hinterlasse einen Kommentar


*